5/22/2004

Rüdiger Suchsland über Barbara Albert: "Böse Zellen"

Mit ihrem ersten Film "Nordrand" ist Barbara Albert über Österreich hinaus bekannt geworden. Ihr Zweitling "Böse Zellen" schlägt eine etwas andere Richtung ein als das sehr grimmige Debüt. Ein Episodenfilm à la Altman, meint jedenfalls Rüdiger Suchsland, der bei Telepolis eine Kritik, ein Interview, ein Gesamtporträt von Film und Regisseurin vorlegt.

Nein, Böse Zellen ist ein Film, in dem es keine Lösung gibt, wobei viele angeboten werden. Ich war mir dessen bewusst, dass ich mit dem Film von Anfang an keine Chance hab, irgendetwas aufzulösen, weil ich Themen aufgreife, die in Wahrheit keine Lösung haben. Das ist vielleicht auch das Irritierende.

film-dienst: Gabin-Porträt

Anlässlich des 100. Geburtstags von Jean Gabin hat Gerhard Midding ein ausführliches Porträt des französischen Schauspielers verfasst: "Minimalist mit viel Wirkung".

Gabin nennt vier Regisseure, die für ihn die wichtigsten waren. Immer wieder betonte er, dass er mit ihnen nicht nur einen, sondern mehrere Filme gedreht hat. Sie arbeiteten alle mit ihm in seiner großen Periode: Duvivier, Grémillon, Carné und Renoir. Der einzige große Regisseur des französischen Vorkriegskinos, mit dem er nie arbeitete, war René Clair.

epd film 6/2004

Das neue epd-Heft ist den Abonnenten noch nicht zugestellt, aber ein Inhaltsverzeichnis mit spärlichen Links ist bereits online. Hier die Themen:

Politische Lebensgeschichten
Der Dokumentarfilmer Andres Veiel (von Martina Knoben)

Die geheimen Tagebücher des Harry P
Fan-Fiction im Internet

Sabine Horst berichtet hier von jenen Texten, "die unter dem Stichwort Fan-Fiction massenhaft im Internet verbreitet und archiviert werden: Stories, Romane und Vignetten, in denen populäre Filme, Fernsehserien oder Bücher fort- und umgedichtet werden."
Erfruelich: eine Linkliste am Ende des Aritkels.

Das Leben, möglicherweise
Die Filme von Richard Linklater (von Anke Sterneborg)

Gespräch mit Ethan Hawke zu »Before Sunset« (von Alexander Soyez)

Online: Ein Porträt des französischen Schauspielers André Dussolier, der bei uns vor allem aus den Filmen von Alain Resnais bekannt ist.

nach dem film: werkstatt filmwissenschaft

Das ambitionierte Online-Magazin nach dem film erfindet sich neu, als Plattform für Filmwissenschaft. Die Beiträge für die nächste Ausgabe sind angekündigt (u.a. von Winfried Pauleit, Marc Ries, Drehli Robnik, Heide Schlüpmann, Anja Streiter), aber noch nicht freigeschaltet. Hier ein Auszug aus dem Programm:

Unter dem Titel Werkstatt Filmwissenschaft soll eine Plattform für Ansätze und Theorien entstehen, die den veränderten Bedingungen des Films und der Filmwissenschaft Rechnung tragen. In dieser "Werkstatt" soll es allerdings weniger um Neuerfindung und Definition dessen gehen, was Filmwissenschaft in Zukunft leisten können soll. Vielmehr sollen Ansätze und Theorien versammelt werden, die von den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, Filmwissenschaft zu betreiben, künden. Vorschläge für mögliche Beiträge zu einer der nächsten Werkstatt-Ausgaben sind uns sehr willkommen und können unter werkstatt.filmwissenschaft@nachdemfilm.de an die Redaktion gesendet werden.

Diederichsen bei der Filmzentrale

Bei der immer unschätzbarer werdenden Filmzentrale wird nach und nach kein geringer Teil des Filmkritik-Gesamtwerks von Größen wie Georg Seesslen und Diedrich Diederichsen archiviert. Hier ein paar Ausschnitte aus jüngeren Diederichsen-Neuzugängen:

Manchmal sind die Leute doch wirklich zu und zu reflexhaft. Wie Lara Croft jetzt nochmal so richtig zum Thema der Feuilletons und aller möglicher organischer Kulturwissenschaftler wird, ist genauso altmodisch wie die sechsundfünfzigste Rückkehr der Big-Brother-Diskussion durch das französische Loft-Äquivalent, auf das zu allem Überfluß natürlich Baudrillard den ersten Voyeurismus-Vergleich-Stein werfen muß, obwohl doch jeder weiß, daß Menschen, die wissen, daß man ihnen zusieht, unmöglich zu Objekten von Voyeuren werden können. [hier]

In E.T. hat der Humanismus scheinbar gesiegt, aber die Menschlichkeit des Außerirdischen hängt auch unmittelbar mit seiner Bereitschaft zusammen, wieder nach Hause zu wollen. Er ist wie wir, denn er hat wie wir eine Heimat (mit einer Telefonnummer). [hier]

So rekonstruiert sich Harris einen Künstler, der selbst noch da die Kontrolle hat, wo er nun gerade mit voller Künstlerverantwortung beschlossen hat, ein wenig von ihr abzugeben. Künstlerische Kompetenz als atemberaubende Akrobatik des Pinselschwungs. Nur so kann Harris sich etwas naiv erklären, daß Pollock das Genie war, das er beschlossen hat zu zeigen. [Pollock, hier]

Als würde nicht Larry Clark jede einzelne Verworfenheit ihrer mißratenen Sprößlinge ästhetisch und transgressionsbegeistert genießen, mithin vermutlich auch billigen und weit über das aus realen Pubertäten gekannte Ausmaß von Verworfenheit hinaus ausmalen. [Kids, hier]

"Monsoon Wedding" ist nicht der erste im Westen (oder globalen Norden) erfolgreiche Film von Nair, und daher soll er nicht nur von der Versöhnung einer vom globalen brain drain etwas diasporisch verstreuten indischen Oberschichtfamilie erzählen, sondern mit dieser Erzählung die Programmkino-kompatible, anspruchsvolle Seite der indischen Filmindustrie mit der globalen Seite versöhnen: Bolly- und Hollywood vermählen. [hier]

Cannes Abschluss

Erstmal geht zum Abschluss die Poesie mit Andreas Kilb (FAZ) durch: "Der Wind trägt die Geräusche des Festivals in Wellen herauf und vermischt sie mit dem Rauschen der Pinien, dem Zirpen der Zikaden, dem Tönen der Klosterglocken auf der Insel Saint-Honorat. Es ist die Stunde, da man sich an alles erinnert, die Jahre, die vergingen, und die Jahre, die kommen werden." Dann aber auch Filmkritik. Von Wong Kar-Weis allseits angestauntem "2046" ist er alles andere als angetan: "Denn dieser Film, an dem Wong fast vier Jahre gearbeitet hat, kommt einer Selbstparodie so nah, wie eine in allem proustischen Ernst vorgetragene melodramatische Science-fiction-Epopöe nur kommen kann."

Eher überraschend kommen auch die sehr freundlichen Worte über den zuvor als wenig viel versprechend betrachteten Film "The Life and Death of Peter Sellers": "Stephen Hopkins, der Regisseur, hat bei Hollywoodproduktionen wie 'Lost in Space' und 'Unter Verdacht' das Szepter geführt, aber vielleicht sagt es mehr über sein Talent, wenn man weiß, daß er die erste Staffel der Fernsehserie '24' inszeniert hat. Der gleiche pulsierende Schnittrhythmus, der dort die Geschichte antreibt, regiert auch in 'Peter Sellers'. Der Film lässt dem Zuschauer kaum Zeit zum Luftholen, aber nur so begreift man wirklich etwas über das Leben eines Mannes, der mit 54 Jahren erlosch, weil er keinen Halt in sich selbst finden konnte."

Cannes 2004

In seinem jüngsten artechock-Tagebuch-Eintrag aus Cannes stellt Rüdiger Suchsland unter dem Titel "Das Weinen der Schanelec" Apichatpong Weerasethakuls (hier unser Porträt) "Tropical Malady" und Angela Schanelecs (hier unser Porträt) "Marseille" gegeneinander. Der deutsche Film kommt dabei nicht gut weg: "Worum es Schanelec wohl vor allem geht, ist ihre Filmsprache: Totalen ohne Ende, genaue Beobachtung zwar auf eine Entfernung, die sich als Objektivität verkauft, und doch, so mein Verdacht, vor allem Unfähigkeit zur Nähe kaschiert. Und der es um die Figuren, die Geschichte, um Erfahrung gar nicht geht." Geweint haben soll sie übrigens, weil die einzige Pressekonferenz mit Kulturstaatsministerin Christina Weiss ausgerechnet zur selben Zeit wie die Pressevorführung ihres Films angesetzt war.

Dann aber zu "Tropical Malady" : "Ein Plot läßt sich schwer herausdestillieren: Ein schwules Liebespaargeht in den Dschungel. Einer von ihnen wird zum Tiger. Der andere sucht ihn. Der Film mäandert im Raum, der Anfang und die Titelsequenz kommen nach etwa eineinhalb Stunden. Trotzdem auf seine Art am Ende ein Horrorfilm, eine Variation von I WALKED WITH A ZOMBIE. Und eine einmalige Erfahrung, einer jener Momente, wegen derer man nach Cannes fährt: In der zweiten Hälfte ist die Leinwand zu 90 Prozent Schwarz, den alles spielt nachts im Dschungel."

Nicht sehr gefallen haben Suchsland dagegen Walter Salles' "Motorcycle Diaries" und Hans Weingartners "Die fetten Jahre sind vorbei".