5/29/2004

Tan de repente

Eine wohlwollende Kritik von Christoph Huber in der Presse über "Tan de repente" (deutscher Verleihtitel: "Aus heiterem Himmel"):
Lermans Film erinnert eher an Milos Formans frühe Sozialstudien, wo ähnlich sanfte Ironie waltet, und an Jim Jarmuschs Stranger than Paradise, nicht nur wegen der scharfkörnigen Schwarzweißfotografie, sondern auch wegen des trockenen Humors, der paradoxen Mischung aus Schläfrigkeit und Ökonomie.

Weniger begeistert war übrigens Michael Omasta im Falter (Kritik nicht online):
Diego Lerman, von der Kritik als wichtigster Regisseur des jungen argentinischen Kinos gefeiert, setzt in seiner Low-Budget-Produktion auf rauhes (Anm.: im Original steht "raues", das kann ich einfach nicht hinschreiben, sorry) Schwarzweiß, karge Dialogszenen und die sphinxhafte Coolness der Protagonistinnen. Aber mit Ausnahme einiger Szenen, in denen einfach nur dahingefahren wird und im Hintergrund die Landschaften und Milieus wechseln, wirkt in diesem Film alles forciert. Die räudige Oberfläche bleibt eine räudige Oberfläche - sonst nichts.

Miramax kauft "Fahrenheit 9/11"

Unter dem Titel Deal Reached for Moore Film Rights schreibt die NYT, daß Miramax nun die Rechte an Michael Moores "Fahrenheit 9/11" vom Mutterkonzern Disney erworben hat:

Under the deal worked out with Disney, the Weinsteins [Bob und Harvey, die Vorstandsvorsitzenden von Miramax] will reimburse Disney for the $6 million production cost of "Fahrenheit 9/11." Miramax and Disney also agreed to donate any "monetary benefit" from the deal to charity, according to a joint statement.

Disney did not want the Weinsteins to benefit financially from controversy that arose over the film, according to executives close to the deal. They calculated a sum that the film might have garnered from distributors before questions arose about the film's distribution, and agreed that the differential would go to charity, the executives said. The charity was not disclosed.

Cannes in Paris

Le Monde berichtet, dass die Nebenreihen von Cannes in Paris nachgespielt werden. Aus diesem Anlass stellt der Artikel einige Filme vor, über die anderswo kaum etwas oder gar nichts zu lesen war. Z.B. A Ce Soir:

Très fort aussi, et très acrobatique, le premier film de l'actrice Laure Duthilleul (Le Destin de Juliette) : A ce soir (lun 31 mai à 16 h au Reflet Médicis). Sophie Marceau, magnifique en jeune mère de trois enfants, se trouve soudainement confrontée à la disparition de son mari. Situé dans les Landes, entre la forêt et la mer, le film, tout en ellipses, raconte moins une histoire que les moments éparpillés d'une famille elle-même brisée. Les enfants puisent de nouvelles forces dans la nature, tandis que leur mère vit un dernier face-à-face, presque surréaliste, avec son mari dont le corps puis le cercueil ne se "décident" pas à quitter la maison. Cet A ce soir, très personnel, a déconcerté Cannes par son approche inhabituelle : glissements successifs de sensations, de moments fugitifs et de liaisons suggérées entre les êtres ; mais laissez-vous gagner par le film, et vous ne l'oubliez plus.

Schanelec: Marseille (Libération)

Jetzt erst entdeckt - aber auf Aktualität kommt es hier gewiss nicht an: Die Hymne auf Angela Schanelecs "Marseille" in der französischen Tageszeitung Libération:

Ce n'est pas facile de parler d'un tel film, aussi beau soit-il, qui conspire à rendre sensible précisément cet impénétrable qui empêche de connaître la nature exacte des causes et des effets guidant secrètement l'existence. Schanelec filme ses personnages en cherchant à restituer le transitoire, le fugitif et le contingent que le cinéma classique élude. Au début, le film avance masqué, travesti sous la platitude d'états d'âme vagues et le manque de solidité dans la mise en scène. Puis soudain, en une séquence très simple, une discussion dans un bistrot, le film qui allait être injustement nommé «inconsistant» se débaptise lui-même d'un coup d'oeil glacial, dans une réplique féroce dite d'une voix blanche, et prend d'autorité le nom qui lui conviendra jusqu'au bout, dénotant à la fois l'abrupt de ses attitudes et son humeur de fond : «intransigeance».

Kino im Freitag

Aus Ankara berichtet Silvia Hallensleben vom Frauen-Filmfestival (englischer Titel: "Flying Broom International Women´s Film Festival") - das immerhin das zweitgrößte Filmereignis der Türkei ist. Hallensleben berichtet über Ursprung und Infrastruktur des Festivals, über die Lage Ankaras im Vergleich zur Hauptstadt, über Catherine Breillats "L'Anatomie de l'enfer" (unsere Kritik), der, anders als vielleicht erwartet, überhaupt keinen Skandal machte, und resümiert:

Die aufsässigen frechen Weiber der Vergangenheit sind auf der Leinwand gegenüber den etwa unter Kinderlosigkeit leidenden deutlich in der Minderheit. Und die schönsten und freiesten Filme der Regisseurinnen waren vielleicht nicht zufällig diejenigen, die sich wie Devers´ Les marins perdus die Beobachtung von Männern zum Thema machen.

Marcus Rothe lässt das Festival von Cannes Revue passieren - er lobt und tadelt die üblichen Verdächtigen - und hat ausgerechnet bei Jean-Luc Godards "Notre Musique" das zarteste Glück entdeckt:

Eine junge Frau findet den (inneren) Frieden an einem überirdisch schönen See, der von amerikanischen Marines bewacht wird. Das zerbrechliche und bedrohte Glück: in Cannes kam ihm ausgerechnet der ewige Misanthrop Godard am nächsten. Ein Hoffnungsschimmer.

Bernd Sobolla bespricht Stanislaw Muchas "Die Mitte":

In diesem Sinne ist Stanislaw Mucha eine absurde gesellschaftliche Bestandsaufnahme zu Beginn des 21. Jahrhunderts gelungen. Sie handelt hauptsächlich von Menschen am Rande der Existenz, die, so scheint es, losgelöst von Raum und Zeit in der unendlichen Mitte Europas leben.

In seiner Medienkolumne kommentiert Klaus Kreimeier die jüngsten Kriegsbilder und stellt auch eine Dokumentation über den Aufstand im Warschauer Getto vor:

Michael Grambergs Dokumentation Zwischen allen Fronten ist ein Kriegsfilm, der manchen amerikanischen Blockbuster dieses Genres als Sandkastenspiel erscheinen lässt. Das Material stammt von Kameraleuten der Heimatarmee, die mit ihrem schweren Aufnahmegerät, aus Schießscharten oder Kellerlöchern, im Feuerschutz der Aufständischen oder ohne jegliche Deckung ihre Bilder drehten.

Spielbergs "The Terminal"

Bei Aint-it-cool trudeln die ersten Reaktionen auf Steven Spielbergs jüngsten Film "The Terminal" ein, in dem Tom Hanks mit Catherine Zeta-Jones in einem Flughafen-Terminal eingesperrt ist. Wer hier einen J.G. Ballardschen Essay über "Nicht-Orte" oder die Bildung von Exklusions-Zonen erwartet, wird sehr enttäuscht sein:

It appears that Spielberg and Hanks decided, after CATCH ME IF YOU CAN, to make another "safe" Hollywood picture with another annoying big-name co-star (who manages not to be annoying). There's nothing powerful or deep here, but it's light and fun, and I'm glad I saw it, even if I have no intention of seeing it again.

Der zweite Text geht in eine ähnliche Richtung:

Overall the movie is recommendable and worth the price of admission as Hanks performance, the humor, and the great secondary characters lead to an enjoyable film. The film is fairly original and only clichéd during the romance sections, leaving a refreshing feeling after viewing.

5/28/2004

Mehr zu Peter Lorre

Die Peter Lorre-Retrospektive des Wiener Filmmuseums wurde im "Filmfilter" bereits erwähnt. Zwei weitere Beiträge zum 100. Geburtstag des österreichischen Schauspielers:

- Ein Portrait in der Wochenendbeilage der "Presse". Titel: Fragen Sie Brecht!

- Die Hommage von Elfriede Jelinek an Lorre, "Der Joker", kann man wahlweise ebenfalls im Presse-Spectrum oder auf Jelineks Homepage lesen.

[Beide Links gefunden in der Karl Kraus Mailingliste]

Nina-Hoss-Porträt im Spiegel

Im Spiegel porträtiert Georg Diez Nina Hoss. Und verehrten wir sie nicht so sehr, würden wir sagen: ein dämlicher Artikel, der könnte auch in der Brigitte stehen, müssen Sie nicht lesen. Vor allem geht's ums Theater, Michael Thalheimer und Einar Schleef, ihren Vater, Grünen-Mitbegründer Willi Hoss. Und ein bisschen auch ums Kino, das zitieren wir:

Im Film immerhin verehren die Kritiker Nina Hoss. Trotzdem hatte "Wolfsburg", die überschwänglich gelobte Geschichte um einen Mann (Benno Fürmann), der Unfallflucht begeht und sich in die Mutter (Nina Hoss) des totgefahrenen Kindes verliebt, nur knapp zehntausend Zuschauer im Kino.

Am "Wolfsburg"-Regisseur Petzold, dessen Werk wie die Hauptdarstellerin für den Deutschen Filmpreis nominiert ist, mag Nina Hoss, "dass er das untersucht, was auch mich interessiert: zum Beispiel, was ein einziger plötzlicher Schicksalsschlag mit einem Menschenleben macht".

Shaw Brothers: My Young Auntie

Eine neue Filmbesprechung bei kungfucinema.com: My Young Auntie (imdb), eine Kungfu-Komödie aus dem Jahr 1981, die jetzt im Zuge der Shaw-Reissue-Reihe wieder verfügbar ist, "is one of Lau's many kung fu comedy masterpieces, but stands out on the strength of several outstanding screen-fighting performances from talented stunt actors." Der Film verarbeite soziale Fragen gleichberechtigt neben komödiantischen Elementen und den offenbar schier unglaublichen Actionsequenzen. Die Leistungen der Darsteller tun da übriges. Mark Pollards Fazit geriet enthusiastisch: "Superior kung fu and its superior application in a film are what make Lau Kar-leung the greatest martial arts film director on planet earth. Now go see My Young Auntie for the proof." Auch die DVD gibt offenbar keinen Grund zur Klage: "looks marvelous with no visible degradation, strong colors, and great clarity."

Eine weitere Besprechung hier bei Hong Kong Digital.

Nachrufe

Zum Tode des ethnografischen Filmemachers Renaud-Paul Lambert schreibt - sehr kurz - die NZZ.

Zum Tode des Regisseurs Jiri Weiss schreibt der Guardian:

Originally a documentary film-maker, Weiss abandoned his law studies after winning an award at the Venice Film Festival for People In The Sun (1936). Two years later, he fled first to Paris and then to London where he began making documentaries such as The Rape Of Czechoslovakia (1939) and Before the Raid (1943), the latter about a group of Norwegian fishermen facing the Nazi occupation of their small village.

[via Greencine]

Preity Zeinta

Der indische Filmstar Preity Zeinta (Website) hat eine Kolumne bei BBC News - World Edition. Hier die jüngste Ausgabe, in der Zeinta über das indische Patriarchat schimpft und den Medien Schuld gibt an neueren Formen des Sexismus:

A conservative society where most parents still don't discuss sex with children is leapfrogging from orthodoxy to in-your-face sex on television, films and the internet. A victim of a sex crime has to go through the humiliating process of proving to our judiciary that she was not a "loose" character who consented to or invited the offender.

Zeinta hat, eigentlich vom Beginn ihrer Karriere an (siehe zum Beispiel DIL SE von Mani Ratnam) emanzipierte, westlich orientierte Frauen gespielt. So jetzt auch in KAL HO NAA HO, der gerade bei den International Indian Film Awards in Singapur mit Preisen überhäuften Desi-Soap-Opera-Dramödie. Zeinta erhielt, versteht sich, den Preis als beste Hauptdarstellerin. Einen Artikel dazu finden Sie bei Times of India. KAL HO NAA HO (siehe unsere Kritik) spielt, als erster Bollywood-Film überhaupt, ausschließlich in New York - wenngleich man über das Leben der Inder in der "Fremde" nur unter der Hand des Liebesdramas Aufschlüsse erhält.

[via Bitter Cinema]

5/27/2004

Siegfried Kracauer

Die ersten Bände der neuen Kracauer-Edition sind bei Suhrkamp erschienen. Sie enthalten Texte aus den Jahren 1913 bis 1919. Bert Rebhandl bespricht die Bände für die Berliner Zeitung, bzw. stellt zu diesem Anlass Kracauers Lebensumstände in den ersten Jahren seines Schreibens vor.

Sehr schön der Schlußsatz: "Mit neuer Deutlichkeit sieht man nun die Ränder, von denen aus sich der Kristallkern dieses Denkens erschließt, das den "pictorial turn" - die Wende zu einem Denken in und mit Bildern - schon vollzogen hat, als die Philosophie noch ganz auf das Wort fixiert war."

Cool wie kalter Bauer

titelt Drehli Robnik seine Kritik (nicht online) zu Roland Emmerichs Eiszeit-Katastrophenfilm "The Day after Tomorrow" in der Wiener Stadtzeitung Falter.

Und er kommt zu folgendem Schluss:
Zur Last, nicht zum Retro-Kapital gerät hier der Umstand, dass alles schon mal da war: Für ein Revival von Spätneunziger-Katastrophenkino à la "Twister" ist es zu früh; als "Film für den Moment" oder Steigerung des 1983 hochaktuellen Atomkrieg-Schockers "The Day After" ist "The Day after Tomorrow" zu wenig brisant; als Eiszeitfantasie - zumal im Vergleich mit Kältemetaphern von Spätdadaisten und Ernst Jünger, von New Wave und Synthiepop - ist er weder krass noch cool genug. New York in Trümmern? Hatten wir auch schon, 2001 sogar im Fernsehen.
Am "Independence Day" feierten 1996 Großmäuler wie Will Smith Möglichkeiten als unbegrenzte, Realität als virtuelle und Militarismus als Ironie; "The Day after Tomorrow" verkauft denselben reaktionären Schas mit ernster Demut vor dem Unabänderlichen. Übermorgen geht es um Abhängigkeit (vom Wetter) und Verlässlichkeit (des Vaters): Das ist unser "Dependence Day".

Interview mit Tony Leung

Machen wir das (Darsteller-)Paar komplett: Hier ein Interview mit Tony Leung bei ChinaDaily.

"Offers come his way from the US, Europe and Australia, but nothing has felt quite right. "If Scorsese called me up, though, I would say yes - no matter what." Which is ironic, because Scorsese has recently been earmarked to direct a Hollywood remake of Infernal Affairs. According to reports, Warner Bros have bought the rights for $1.75m via Brad Pitt's production company. Pitt is expected to play Leung's role. Meanwhile, Infernal Affairs 3 is already on its DVD release in Hong Kong, again starring Leung, who skipped part two."

Landwirt und Regisseur

Ein ausführlicher Artikel bei Shanghai Daily über Regisseur Zhou Yuanqiang, der hauptberuflich Landwirt in der chinesischen Provinz ist und mit einer selbstgekauften DV-Kamera und seinen Nachbarn bereits mehrere TV-Serien gedreht hat.

``Zhou is born to have a thinking way of filming scenes while ordinary people tend to think in the form of literature,'' Zheng adds. ``He watches a TV series in a different way. He only pays attention to the change of pictures and different featured scenes. It's a kind of technological dissection of TV programs. He is a genius with rare spirit and talent.'' ``Zhou's work is a kind of pleasant education and I can feel farmers' sincere joy from heart,'' says postgraduate Hu. ``It's not easy for him to do this work for 12 years without payment. My professor, Su Huizhu, says it's a pity that this cannot spread to other rural areas in China since there's only one genius: director Zhou.'' Zhou confirms this, confiding that he was recently offered a promotion to cultural officer, but he turned it down. ``No matter how high the position is, I'm not interested. I have a deep passion for the farmers. My pleasure all comes from their pleasure,'' says this grass-roots genius.

Kurios.

Interview mit Maggie Cheung

Hier die Übersetzung eines Interviews mit der Schauspielerin Maggie Cheung nach ihrem Erfolg in Cannes. Cheung war mit zwei Filmen auf dem Festival vertreten und wurde von der Jury als beste Darstellerin für ihre Leistung in Olivier Assayas' Clean ausgezeichnet.

"Today I'm in Hong Kong, tomorrow New York, the next day may in Paris, and then in Beijing. My blood is Chinese, but when I'm with friends from different countries, I feel as though I'm multicultural. When I accept an invitation to do a film, I never think whether it will be shot in the United States, Europe or China. It makes no difference to me."

Oxide Pang on The Eye 2

Groß angesagt sind derzeit die Pang-Brothers. Die hiesigen Videotheken werden derzeit mit den Filmen der beiden Style-over-Substance-Experten überfüllt, in den USA plant man derzeit ein Remake ihres Gruselfilms The Eye, der letztes Jahr bei uns auf dem Fantasy Filmfest zu sehen war.

Das Splatter- und Horrormagazin Fangoria hat sich mit Oxide Pang über The Eye 2 (offizielle Website) und den bereits fest eingeplanten dritten Teil unterhalten.

Berliner Zeitung: Kinotag

The Day After Tomorrow beherrscht das hiesige Kinogeschehen: Allein Stanislaw Muchas Die Mitte wagt sich zeitgleich in den Ring, Bert Rebhandl besprach das jüngste Emmerich-Spectaculum bereits gestern, entsprechend wenig Filmrelevantes im wöchentlichen Kulturkalender. In seiner etwas nervig eingeleiteten Besprechung zu Muchas Film verlässt sich Jan Bachmann im wesentlichen aufs Nacherzählen.

Die Kinolücke diese Woche macht den Blick frei für Außergewöhnliches, Obskures: In Berlin feiert der in zwei Jahren produzierte No-Budget-Trash-Parodie-Kriegsfilm Operation Dance-Sensation (hier die sehr eigenwillige Website der Produktionsfirma Neverhorst) Premiere. Der Berliner Zeitung ist das gar eine kurze Besprechung wert: "[D]as Inventar des Films erinnert häufig an die Ausstattung einer westdeutschen Kindheit in den siebziger Jahren." Überhaupt herrscht Patchwork: "Außerdem tummeln sich hier Gestalten, die diversen Western-, Ninja-, Agenten- und Science-Fiction-Filmen entsprungen scheinen." Ferner gibt es "[d]ie größten Handfeuerwaffen der Filmgeschichte. "[P]urer Trash" also, und dem Autor scheint er gefallen zu haben, auch wenn er für diese Rezeptionshaltung doch etwas distanziert bleibt. Auch Anke Engelkes Gastauftritt wirke "fast schon zu rund". Etwas ausführlicher und dem Charakter des Films gebührlicher besprach Christian Keßler den Film schon vor einiger Zeit auf seiner Website. Der Regisseur erfände "das Genre quasi neu". Die Rechnung, Kriegs-Actioner Marke Dudikoff mit Disco-Nostalgie zu kreuzen, gehe auf, "wenn der Versuch mit soviel Witz, Charme und Kompetenz ausgeführt wird wie hier". Noch vieles mehr ist dort zu lesen, machen wir's kurz: Lesen Sie selbst. Wie fast alles von Keßler eine kurzweilige, informative Lektüre. (Heute kostenlos im Briefkasten gehabt, gar nicht gewollt: Die Welt Kompakt, die für sich unsäglich mit "Zeitung to go" wirbt, sie meint, Trash könne cool sein, dieser Film sei es jedoch nicht. Die Welt Kompakt ist es auch nicht, Zeitung to throw away.)

2 Jahre Filmzentrale

Eigentlich schon zu spät: Die Filmzentrale wird 2 Jahre alt (im April eigentlich schon). Ulrich Behrens, selbst dort regelmäßig als Kritiker tätig (und deswegen vielleicht etwas eingenommen, aber letztendlich sind wir das ja alle), würdigt das kleine Jubiläum mit einem Text. "Das Ziel der filmzentrale war es – im April 2002 – einen tiefergehenden, reichhaltigen und kontroversen Blick auf die Kinolandschaft zu ermöglichen", schreiben Andreas Thomas und Dietrich Kuhlbrodt auf der Website. Ulrich Behrens meint, "dass dieses Ziel zu einem Gutteil erreicht wurde."

Das meinen wir auch und sagen: Herzlichen Glückwunsch.

Bert Rebhandl über Peter Lorre

Im österreichischen Standard schreibt Bert Rebhandl über Peter Lorre, dem im Wiener Filmmuseum eine Retrospektive gewidmet wird (s. unsere Meldung im Newsblog):

Lorre war ein Vielspieler, auch, weil er ständig Finanzprobleme hatte. Er war morphiumsüchtig, bekam wegen Drogenbesitzes sogar Probleme mit der Polizei. Als in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg eine paranoide Untersuchung "unamerikanischer" Aktivitäten anhebt, zählt er zu jenen Künstlern, die sich zur Wehr setzen: "Hollywood Fights Back". Er war Demokrat, kein Kommunist.

The Day After 9/11

Prima Klima bei der Jungle World: Roland Emmerichs neuestes Katastrophenspektakel The Day After Tomorrow (unsere Kritik) ist bestimmendes Thema der Woche und hat es sogar aufs Cover geschafft. Dass "der Klimawandel [...] als Sujet für einen Blockbuster im Jahr 2004 taugt", hält Anne Kerby für "eine echte Überraschung". Mehr noch überrascht sie, dass der Film sich ganz in der Tradition von The Day After auf Expertenmeinungen beruft und "den Anschein einer konkreten, nahezu wissenschaftlichen Vorhersage" gibt. Viele Fragen stellt sie sich deshalb:

"Geht es also wirklich um die Umwelt, wie die Fürsprecher des Films, allen voran Al Gore, sagen? Oder ist das Thema Ökologie nur der Vorwand, um antiamerikanischen Ressentiments freien Lauf zu lassen? Oder handelt »The Day After Tomorrow » von den Möglichkeiten des Katastrophenfilms nach der filmhistorischen Zäsur des 11. September?"

Ihr Fazit nähert sich dem Offensichtlichen der Werbekampagne: Emmerichs Film sei "ein Katastrophenfilm für die Post-9/11-Phase".

Andreas Reimann nähert sich dem Film mittels eines kleinen Rückblicks über das Genre, für welches der Anschlag auf das World Trade Center einen Verlust der Unschuld darstelle. Emmerich mache sich dies zunutze: "Seht euch diese Bilder (New York!) an und sorgt dafür, dass es diesmal nur Bilder bleiben." Es stelle sich die Systemfrage: "[I]st das System selbst die Katastrophe?" Es folgen der Blick in die Bibel, das Nachblättern bei Dante, schließlich kommt man bei George A. Romero und dessen The Crazies an und konstatiert: "Gerade das Thema bedrohlicher, unsichtbarer Viren führte zu einigen interessanten filmischen Auseinandersetzungen mit dem Verhältnis von Staat, Gesellschaft und Gewalt." Ein ausführlicher Überblick über Struktur und Motive des Katastrophenfilms zeigt schließlich: Die meisten drückten sich vor der Systemfrage, man geriere sich zum "Werbefilm": "Familie und Reproduktion sowie bürgerliche Individualität und Eigenverantwortung", kurzum die Grundpfeiler der Gesellschaft seien dessen vornehmlicher Gegenstand. (Meine Besprechung zum Lexikon der Katastrophenfilme im übrigen hier, nur so am Rande.)

Eine kleine Zusammenfassung von Expertenmeinungen findet sich schließlich hier.

taz: Kinotag

Dafür lieben wir die taz: Ein riesengroßer Artikel von Dorothee Wenner über die derzeitige Kino-Krise in Indien. Verursacht ist sie durch den Boom der Multiplexe, der die sogenannten Stand-Alones, also Kinos mit nur einem großen Saal in arge Bedrängnis gebracht hat. Aus filmpolitischer Perspektive hat das durchaus seine Vorteile, denn die Multiplexe ermöglichen durch größere Flexibilität in der Programmierung der unterschiedlich großen Säle gerade einen kleinen Boom des nicht-kommerziellen Parallel Cinema. Oder vielleicht sollte man eher sagen: Sie machen das Entstehen einer ganz neuen Sorte Kino möglich, die weder rein kommerziell noch - notgedrungen - ausschließlich für den vorwiegend internationalen Festivalmarkt gedreht wird:

Die Kombination von preiswerteren Produktionsmöglichkeiten und neuen Abspielstätten mit kleineren Kinos hat seit einigen Monaten eine Vielzahl von Autorenfilmen hervorgebracht, die die riesige Kluft zwischen Großproduktionen und dem unabhängigen Kino scheinbar erfolgreich geschlossen hat. "Maqbool", eine Macbeth-Adaption von Vishal Bhardwaj, gilt in dieser neuen Kategorie des indischen Kinos als Prototyp. Der Film hatte recht gute Einspielergebnisse, obwohl er ohne Top-Stars gedreht wurde, dabei aber sehr subtil das Milieu der Unterwelt von Bombay darstellt und die obligatorischen "Song & Dance"-Szenen geschickt in die Geschichte integriert. (hier unsere Kritik des Films)

Auf der anderen Seite erweist sich die durch den Multiplex-Boom verursachte Gentrifizierung als großes Problem für das einkommensschwache Massenpublikum, von dem das indische Kino bisher vor allem gelebt hat:

Bislang funktionierte die indische Filmwirtschaft, weil sich auch Schlechtverdienende - sogar Bettler - für 10, 15 oder 20 Rupien Kinokarten kaufen konnten. Genau diese Leute aber gehören nicht zum Zielpublikum der Multiplexe: Dort kostet der Eintritt bis zu 150 Rupien (knapp 3 Euro). Damit wird Kino - bislang die liebste Freizeitgestaltung der Inder - zu einem Vergnügen, das sich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr leisten kann, jedenfalls dann nicht, wenn es die stand-alones eines Tages nicht mehr gibt.

SZ: Kinotag

Im Münchner Filmmuseum gibt es in den nächsten Wochen eine Filmreihe zum Thema "BilderWelten" zu sehen. Fritz Göttler schweift schon mal frei assoziierend durchs kommende Programm:

Film vs Kunst und Kunst vs Film, Filmemacher, die sich den Künstlern nähern, Künstler als Filmemacher: Brian de Palma mit seinem 'Responsive Eye' und Alain Resnais über Goya und Guernica, Charles & Ray Eames über Cézanne und Vincente Minnelli über Toulouse-Lautrec. Und Broodthaers, bien sur, und Sokurov, genial verspielt...

Der eigentliche Anlass der Reihe ist der neueste Film von Straub/Huillet, "Une Visite au Louvre" (mehr), der in zwei beinahe identischen Durchgängen vor allem die Cézanne-Bilder des Museums abfilmt.

Außerdem: Rainer Gansera bespricht "Der Sohn", den jüngsten Film der Brüder Dardenne, der jetzt in München gelandet scheint:

Wie alle Großen des europäischen Autorenkinos - von Rossellini bis Bergman - sind Jean-Pierre und Luc Dardenne Porträtisten. Sie zeichnen nicht die Figuren in ein Drama hinein, sondern das Drama in die Figuren. In ihren Arbeitsnotizen heißt es: 'Der Verlauf der Geschichte ist der Charakter, undurchsichtig, rätselhaft. Oder vielleicht nicht der Charakter, sondern der Schauspieler selbst: Olivier Gourmet. Sein Körper, sein Nacken, sein Gesicht, die Augen hinter dicken Brillengläsern verborgen".

H.G. Pflaum zeigt sich von Robert Altmans "The Company" (filmz) sehr angetan. Anke Sterneborg findet Stanislaw Muchas "Die Mitte" (filmz) ganz interessant, aber auch ein bisschen beliebig.

In der Klatsch-Kolumne kolportiert Susan Vahabzadeh, dass auf dem Set von "Ocean's Twelve" von Julia Roberts bis Steven Soderbergh alle immerzu ziemlich bekifft sind, weswegen man jetzt deutlich hinter dem Zeitplan zurück ist. Im Star-Album wird Ian Holm vorgestellt. Verzeihung: Sir Ian Holm.

Anmerkung: Nur noch diese Woche ist die SZ nach Anmeldung als E-Paper umsonst zu lesen.

ZEIT-Kino

Katja Nicodemus resümiert Cannes und Sie können sich ja schon denken, was wir da jetzt zitieren:

Man überlässt sich dem hypnotischen Sog einer Tonspur, die jedes Ästeknacken, jedes Käferkrabbeln und Vogelgurren registriert. Man spiegelt sich im Auge einer riesigen Wildkatze und starrt gebannt auf einen von Glühwürmchen illuminierten Baum, der im pulsierenden Licht der Insekten zu atmen scheint. In einem Film wie Tropical Malady stößt unser Bilderverständnis an seine Grenzen. Eine andere, physische Art der Wahrnehmung stellt sich ein, mit der man ewig im Dschungel verharren könnte.

Zu Godards neuestem Werk schreibt Nicodemus:

In Notre Musique dauert die Hölle zehn Minuten, das Purgatorium eine Stunde. Am Ende verschlägt es die Kamera noch kurz in den Garten Eden. Das Paradies ist ein regennasser Wald, bewacht von amerikanischen Marines.

Im zweiten großen ZEIT-Filmartikel kommentiert Diedrich Diederichsen Roland Emmerichs Katastrophenfilm "The Day After Tomorrow", findet ihn unerheblich und stellt ganz zuletzt eher verwundert fest:

Da konnten sich also Wissenschaftler und Aktivisten bisher den Mund fusselig reden: Erst ein drittklassiger Film verschafft alten Empörungen über die Umweltpolitik der USA spätes Gehör. Tatsächlich haben wir es hier mit einer Schwundform von Öffentlichkeit zu tun, deren Auswirkungen die Gefahren einer Klimakatastrophe weit übertreffen.

FAZ: Kinotag

Bert Rebhandl stellt Emile de Antonio vor, den amerikanischen Dokumentarfilmer, der mit seinen hoch politischen Werken als Vorbild des Polit-Agitators Michael Moore angesehen werden kann (vgl. unsere Notiz vom 24.5.). Rebhandl porträtiert ihn so:

Emile de Antonio (1919 bis 1989), ein Sohn europäischer Immigranten, war für die Rolle des Agitators nicht prädestiniert. Er gehörte der New Yorker Bohème der späten fünfziger Jahre an, verlieh den berühmten Beatnik-Film "Pull my Daisy" und stand mit Andy Warhol und Leo Castelli auf vertrautem Fuß (der Film "Painters Painting" von 1972 zieht eine Bilanz dieser Ära). Ein Rest von Pop-art steckt noch im Ansatz des Filmemachers de Antonio: Er geht vom Sichtbaren aus, von der Seite der Macht, die der Öffentlichkeit zugewandt ist. Er ist kein investigativer Reporter, der Geheimnisse aufdecken will, sondern ein Produzent von Bedeutungsebenen, die vor seiner Bearbeitung nur latent sind.

Frankreich-Korrespondent Jürg Altwegg berichtet, dass jetzt wieder gesungen wird im Nachbarland - und Schuld ist nur ein Film:

Mehr als fünf Millionen Zuschauer haben Christophe Barratiers Schulchorkomödie "Les Choristes" gesehen. Das Buch zum Film ist ein Bestseller, die CD mit der Musik steht an der Spitze der Hitparade. Der Erfolg ist so unerwartet und gewaltig, daß er als gesellschaftliches Phänomen gedeutet wird.

New-York-Korrespondent Jordan Mejias (ach, so ein Korrespondenten-Netz hat schon seine Vorzüge) schickt Nachrichten vom Tribeca-Festival:

Das Angebot besteht aus einer ziemlich unbekümmerten Mischung von kommerzieller Hollywood-Ware, oft skurrilen Produktionen im Low-Budget-Bereich und Dokumentarfilmen.

Etwas näher vorgestellt werden: Der Dokumentarfilm "Delamu" von Tian Zhuangzhuang, der die Anwohner der Tee-Pferd-Straße vorstellt. John Furses Geiseldrama "Blind Flight". Preise gab's auch, als bester Spielfilm und mit dem Nachwuchspreis fürs beste Regiedebüt wurde der Chinese Liu Fen Dou für "The Green Hat" ausgezeichnet.

Michael Althen, bekennender DVD-Abhängiger (vgl. die jüngste Ausgabe der Zeitschrift "steadycam"), verweist im Nachruf auf Tony Randall auf viele schöne DVD-Ausgaben, auf denen man den Schauspieler für immer und ewig bewundern kann. Mit Nachdruck empfiehlt er den Audiokommentar des insgesamt leider ein wenig untergangenen, aber ganz entzückenden letzten Films mit Randall: "Down With Love", eine Hommage an die Doris-Day-Ära des amerikanischen Kinos.

5/26/2004

Cannes, noch einer

Und da wir wirklich keine Gelegenheit auslassen wollen, Gutes über den von uns sehr verehrten Apichatpong Weerasethakul an die Leserschaft weiterzureichen, nun auch noch der Hinweis auf Stephen Garretts Schlusszusammenfassung des Festivals bei indiewire.

Up-and-coming filmmakers with their second or third features made a strong showing in the festival. One of the most hauntingly beautiful movies to play the Croisette was Apichatpong Weerasethakul's "Tropical Malady" (in competition), a gay romance which uses myth and metaphor in its second half to elevate its pleasant but mundane love story to a level of animalistic mystery and awe that ultimately makes for transcendent viewing.

[via Greencine]

Cannes, einer geht noch

Zu den kuriosesten Cannes-Berichterstattern gehört George, the Cyclist, der auf dem Rashomon-Blog täglich vom Festival berichtete. Sonst ist er, wenn ich recht verstehe, tatsächlich auf seinem Fahrrad in der Weltgeschichte unterwegs, tagaus, tagein und macht Station, wo es ihm gefällt. Hier, was ihm gefallen hat in Cannes:

I do not have an ultimate film to exalt over. The closest I came to such exaltation was the American "Tarnation". "The Edukators" started out as being such a film, but it lapsed into just a very good film, rather than a great film. Close behind were "Clean" and "Moolaade". "Whisky" and "In Casablanca the Angels Don`t Fly" were a cut below.

Mehr nach unserem aus zweiter Hand gebildeten Geschmack ist da sein Freund Jesse, an dessen Listenspitze es wie folgt aussieht:

- Masterpieces:
Tropical Malady
Mondovino

- Very impressed by:
The Holy Girl
Woman is the Future of Man
A Tout de Suite

- Enjoyed a lot:
The Consequences of Love
Old Boy
The Edukators
Clean
Innocence: Ghost in the Shell 2


Das alles hier.

malotrutz, bergiers de merde

Breschedens, plaisans rousseaulx, galliers, chienlictz, averlans, limes sourdes, faictneans, friandeaulx, bustarins, talvassiers, riennevaulx, rustres, challans, hapelopins, trainneguainnes, gentilz flocquetz, copieux, landores, malotruz, dendins, baugears, tezez, gaubregeux, gogueluz, claquedans, boyers d'etrons, bergiers de merde, et aultres telz epithetes diffamatoires!

Das geht an die Adresse der Kritiker, die Park Chan-wooks Cannes-Beitrag und Jury-Preis-Gewinner "Old Boy" nicht mochten. Und kommt von filmbrain, der sich hier bei Rabelais bedient.

Und dann läuft da gerade noch eine amüsante Spekulations-Diskussion zur Frage "Which film did Quentin hate?"

[via Rashomon]

Gutachten zu Blood Feast

Wie vielleicht bereits bekannt, wurde Anfang des Jahres der erste Splatterfilm der Filmgeschichte Blood Feast (Herschell Gordon Lewis, USA 1963) vom Amtsgericht Karlsruhe beschlagnahmt (Pressespiegel). Der Verein Medialog e.v.i.Gr. hat dazu eine Kampagne gestartet, um diesen irrwitzigen Beschluss im Idealfall rückgängig und eine breite Öffentlichkeit auf den zensurierenden Umgang mit Filmen im Allgemeinen aufmerksam zu machen. Neben einer Online-Petition gehört dazu nun auch das Sammeln von Gutachten, die sich eingehend mit dem Film beschäftigen und dabei aufdecken, dass ein bloßes Aufzählen von Nahaufnahmen - wie in dem knappen Beschlagnahmebeschluss geschehen - auch einem "Schundfilm" nicht gerecht wird, bzw. diesen nicht hinreichend erfasst, um ein totales Verbot zu rechtfertigen.

Das erste Gutachten kann nun online runtergeladen (pdf) werden. Auf 25 Seiten untersucht der Film- und Kulturwissenschaftler (und Jump-Cut-Mitarbeiter) Stefan Höltgen ausführlich Herschell Gordon Lewis' Film und dessen ästhetische Vorgehensweise. Dabei arbeitet er nicht nur Besonderheiten etwa auf der Tonspur heraus, sondern erarbeitet auch Ungenauigkeiten und faktische Fehler im Beschlagnahmebeschluss, der im Anhang dokumentiert ist.

Weitere Gutachten von Medienwissenschaftlern und Filmpublizisten sind bereits angekündigt: "Derzeit sind Texte vom Kieler Medienwissenschaftler Prof. Dr. Hans J. Wulff, dem Münchner Medienrechtsanwalt Holger von Hartlieb, dem Filmpublizisten Georg Seeßlen und dem Filmregisseur und Journalisten Jörg Buttgereit in Arbeit bzw. liegen bereits vor." (Hervorhebungen: Thomas Groh)

Medialog gewährt zudem bereits erste Einblicke in die Arbeit von Prof. Dr. Hans J. Wulff: "Der Mediengewaltforscher Wulff weist in seinem Gutachten darauf hin, dass die medial dargestellte Gewalt, wie sie häufig in Filmen wie "Blood Feast" inkriminiert wird, die Gesellschaft nicht zerstört, "sondern hilft, sie zu befestigen und zu sichern, weil sie die Adressaten in einen Erlebens- und Denkprozeß hineinbewegt, in dem Tugenden verhandelt werden und aus dem sich eine Moral aus der Geschichte ableitet. Die Wirkungsfrage, die so oft naiv gestellt wird, weil es so evident zu sein scheint, daß 'schlechte Filme' Vorbilder für reales Verhalten anzubieten und die Drehbücher für manches reale Verbrechen abzugeben scheinen, verschiebt sich so – auch in der Besichtigung gewalttätiger Interaktion findet eine Auseinandersetzung von Zuschauer-Ich und Alltagswelt statt." Wulff weist weiter auf das kulturelle und historische Erklärungspotenzial hin, das in den Bildern der Gewalt verborgen ist, und kommt zu dem Schluss, dass "Blood Feast" bereits 1963 "erste tastende Versuche unternahm, die sich verschiebende Körperwahrnehmung der Industriegesellschaften zu thematisieren und Ausdrucksformen zu finden, die einander widerstrebende Affekte miteinander verbanden."

5/25/2004

Sight and Sound (Juni)

Die größeren Artikel im Juni-Heft von Sight and Sound, der vom British Film Institute herausgegebenen Zeitschrift:

- "All I Desire" über Pedro Almodóvars neuen Film "Bad Education" (La Mala Educación). Die Kritik ist online.

- "A Silky Sadness": Jonathan Romney über Nuri Bilge Ceylans "Distant" (Uzak). (Hier die offizielle Website des Regisseurs.) Zur Biografie des Regisseur erfährt man dies:

An admirer of the modernist big guns - Ozu, Bresson, Antontioni, above all Tarkovsky - Ceylan enrolled on a four-year filmmaking course in Istanbul but left after two years. He was 36 when he made his short, having already found success as a commercial photographer.

Über Ceylans bisher drei Filme (Kasaba, Mayis Sikintisi und eben Uzak), die sich nun zur Trilogie runden:

Together the three films offer a contemplation of childhood and adulthood, country and city, and present and past, together with a self-portrait of the director and an enquiry into the use or futility of cinema itself. The whole becomes greater than the sum of the already dazzling parts in a way comparable to Abbas Kiarostami's Koker trilogy.

Und über Uzak:

Uzak surely shows Antonioni's influence in its fresco-like images of a grey, lifeless Istanbul in winter. The film also uses dead time in the leisurely, sometimes almost subliminally comic fashion of certain Asian directors - Edward Yang or Sang-soo Hong, for instance. There's even a hint of the somnolent wit of Ming-liang Tsai in the priceless three-minute locked-shot scene where the two men watch Tarkovsky's Stalker on television: the studiedly monotonous sequence in whicht the Stalker's party ride a railway trick into the Zone. After a while the bored Yusuf leaves; checking the coast is clear, Mahmut puts on a porn video.

Dann noch der Link (im Heft leider falsch als ideefix.com statt ideefixe.com) zu Ideefixe.com, wo man die türkischen DVDs von Ceylans Filmen online kaufen kann.

- B. Ruby Rich mit einer Liebeserklärung an Uma Thurman und Quentin Tarntino anlässlich von "Kill Bill 2" (unsere Kritik) , den sie als "radical remapping of traditional family values" begreift.

- Interview mit dem iranischen Regisseur Babak Payami, dessen jüngster Film "Silence Between two Thoughts" im Iran nicht in den Kinos gezeigt werden durfte. Über Payami erfährt man:

Babak Payami is an Iranian-born Toronto resident who grew up in Afghanistan and is currently working in Italy.

Der Film hat eine finstere Prämisse:

Ein Henker erfährt, that he can't execute the woman who is his target because she's a virgin and will therefore go to heaven. It then transpires that headman Haji's plan is that the executioner, a young zealot, should marry the virgin so he can deflower her and then carry out the sentence.

Payami über einen Film, aus dem nichts wurde:

Then during the post-production work on my next film Secret Ballot (2001) in italy I put together enough resources to initiate a project based on my story of an Afghani labourer deported from Iran who seeks to find and kill Osama Bin Laden in order to win himself a home. The story was loosely mldelled on Conrad's Heart of Darkness with some original twists. I was supposed to visit the Afghanistan/Pakistan border area in late October 2001 to organise the production, but then September 2001 happened and everything fell apart. I felt then that I would be riding on sensationalism whereas before 9/11 the hunt for Bin Laden and what happened to Afghanistan were concepts not many people cared about.

Begleitet wird der Artikel durch ein weiteres Interview mit Jafar Panahi, dessen jüngster Film "Crimson Gold" (unsere Kritik) gleichfalls ein Opfer der Zensur wurde.

- Gespräch mit Kim Ki-Duk zu "Frühling, Sommer, Herbst, Winter - und Frühling", "a sumptuous meditation on rage and redemption." (Die Kritik ist online.)

- Beginn einer neuen Serie über berühmte Schauspieler. Folge 1: Rudolph Valentino.

Dann wie stets, jede Menge Rezensionen, mehr als 70 Stück, genauer gesagt, als Aufmacher die Kritik zu James Rays Borderline-Journalismus-Film "Shattered Glass":

Based on a true story, the film charts the rise and fall of Stephen Glass (Hayden Christensen), a young staff writer on the influential Washington-based political magazine The New Republic whose glittering career was cut short following revelations that he fabricated many of his reports.

Badass talk!

"Why I did Sweetback had nothing to do with the movement. It had to do with a profound disenchantment [with movies]. I started in 1957. It took me that long to get into position to do the movies I really wanted to do. However, there was a coincidence that the movement happened then."

Ein kurzes Gespräch in der Village Voice zwischen Mario und Melvin van Peebles anlässlich der New-York-Premiere von Baadasssss! (Kritik - auf der Berlinale hieß der Film noch Gettin' the Man's Foot Outta Your Baadassss). Sohn Mario schildert darin die Arbeit des Vaters Melvin an dessen Sweet Sweetback´s Baadasssss Song (Kritik von Jump-Cut-Mitarbeiter Thomas Reuthebuch), der als Initialzündung für das schwarze Kino angesehen wird. In seiner Kritik bezeichnet J.Hoberman die Leistung des Sohns als "unique in the history of cinema" (allerdings bezieht er sich auch eher auf die biografische Spiegelung des Films und seiner Entstehungsgeschichte in einem weiteren, biografischen Film - oder so). Der Film verherrliche den Vater nicht, im Gegenteil zeige er einige Schwächen auf. Dennoch bestehe er als "ultimate filial gift". Für Breitbandnutzer hier das Videostream-Archiv der Berlinale mit den Pressekonferenzen zu Mario van Peebles' Film und zum New Hollywood im Allgemeinen (runterscrollen oder einfach den Browser nach "Melvin" suchen lassen).

Weitere Artikel: Im Walter Reade Theater beginnt in wenigen Tagen eine Überblicksreihe über das zeitgenössische italienische Kino. Leslis Camhi stellt einige der gezeigten Filme vor. Die im Film Forum gezeigten Bergman-Filme werden hier vorgestellt. J. Hoberman bespricht The Five Obstructions - einer Anthologie von fünf Remakes von ein und dem selben Dokumentarfilm (Der perfekte Mensch) aus dem Jahre 1967 von Jørgen Leth. Die Remakes dreht Jørgen Leth selbst, dazwischen Lars von Trier, auf dessen Konto das Projekt geht, der immer wieder neue Anweisungen gibt und Leths Arbeit mit zum Teil unmöglichen Auflagen erschwert. Dennis Lim bespricht The Mother, der bei uns bereits letztes Jahr im Kino lief (Kritik|DVD-Info|filmz.de). Mit Saved! kommt eine "Jesus-freak satire" in die New Yorker Kinos, Michael Atkinson hat sie gesehen und erwähnt in seiner Besprechung noch nicht einmal Mel Gibson.

Britspotting Berlin

Thomas Vorwerk ist auf dem Britspotting-Festival in Berlin gewesen und berichtet bei satt.org in einem kleinen Special mit vielen Kurznotizen von den gesehenen Filmen. Bin gerade in Zeitdruck, deshalb keine Zusammenfassung oder Zitate: Lesen Sie doch einfach selbst.

Das Festival gastiert noch bis morgen in Leipzig und wandert dann weiter nach Basel in die Schweiz, um vom 02. bis 12. Juni daselbst stattzufinden.

Nachtrag: Apichatpong Weerasethakul: Tropical Malady

Hab ich glatt verpasst, also jetzt zu spät der Hinweis auf das französische Blog des Ex-Cahiers-du-Cinéma-Autors Jean-Sébastien Chauvin, der Cannes durchgebloggt hat und sich auch sonst ganz außerordentlich interessant liest.

"J'avais promis de dire deux ou trois choses sur le chef-d'oeuvre du festival, Tropical Malady de Apichatpong Weerasethakul. Voici donc. Sans hésitation aucune, il s'agit là de ma Palme d'Or, et il serait scandaleux que le film n'ai rien au palmarès." [mehr]

[Link via url.antville.org]

Marmoolak

Jetzt ist den Mullahs der Erfolg des iranischen Films Marmoolak (dt.: Die Eidechse) doch unheimlich geworden. Die Komödie des Regisseurs Kamal Tabrizi dreht sich um den Titelhelden Marmoolak einen entkommenen Häftling, der sich als Priester ausgibt und als ihm nichts mehr einfällt, seine Predigten - sehr zur Freude seiner Zuhörer - mit Kommentaren zu "Pulp Fiction" und "brother Tarantino" streckt. Marmoolak findet zuletzt tatsächlich zu Gott - das aber hat jetzt auch nichts mehr genützt. Die Zensur hat den Film, der sich zum Sensationserfolg entwickelt hatte, aus dem Kino genommen. Bei Alternet berichtet Shahla Azizi - und sie vermittelt auch einen, wie ich neulich in einer Diskussion im Haus der Kulturen der Welt feststellen konnte, sehr üblichen Affekt des iranischen Publikums gegen die Meisterwerke, mit denen das iranische Kino im Westen berühmt wurde.

So schreibt Azizi über diese Filme: "They present a stylized and simple reality that intrigues Western audiences through its poetry and exoticism. But for Iranians, these jashnvarehyee (made-for-festival) films, as they have been coined, have become a bore. They often fail to address issues touching the everyday lives of ordinary, cinema-going Iranians."

Marmoolak dagegen funktioniert aus ganz anderen Gründen: "The dialogue is superb, mixing the street slang and accent of the convict with the more formal language of the clergy. Marmoolak constantly uses the slang term 'baa haal' (cool) when talking about God. The biggest laughter and cheer comes when he uses this language to tell a young devotee, filled with guilt about his illicit feelings for his fiancee, 'if God didn't want you to commit sin then he would not have given you the tools for it (a play on words with 'aalat,' which means both genitals and tools).'"

Mehr zum Film beim Iran::Translated-Blog.

Offizielle Website des Films.

5/24/2004

Von wegen Übermorgen!

Kurz bevor die ganze Erde ein Gefrierfach wird, verrät uns Roland Emmerich noch eben mal, was seiner Meinung nach die zehn besten Katastrophenfilme aller Zeiten sind.

Cahiers du Cinéma (Mai)

Die Cahiers sind in ihrem Mai-Heft, das mir jetzt etwas verspätet in die Hände fiel, ganz und gar auf Cannes eingestellt. Neben der Übersicht über das Gesamtprogramm gibt es aber schon einige nicht sehr überraschende Schwerpunkte. Vorgestellt werden die neuesten Werke von vier auteurs, Godard, Almodovar, Hong Sang-soo und Abbas Kiarostami.

Über Jean-Luc Godards "Notre Musique", der im Wettbewerb außer Konkurrenz lief, heißt es am Ende der sehr freundlichen Kritik: "Notre musique ne se termine pas au purgatoire, mais au paradis. Paradis utopique et ironique, paradis assez réaliste pour être gardé par des marines américains, paradis assez cinéphile pour que ses sous-bois straubiens mènent à des rivages habités par des clowns felliniens et des bienheureux qui semblent sortis de Fahrenheit 451. Pas d'illusion ni de consolation, mais un sourire, une lumière, de côté des 'hommes très humains'."

Im langen Interview erklärt Godard den Irak-Krieg damit, dass die "Amerikaner" - d.h. die US-Bürger - keinen eigentlichen Namen und keine Wurzeln haben und diesen Mangel nun kompensieren müssen. Er fragt sich, was es heute heißt, Jude zu sein (umstandslos erklärt er sich zum "juif du cinéma"). Und anders als in zuletzt kolportierten Äußerungen gibt es keine Verdammung anderer Regisseure, sondern eine Liebeserklärung: "Les films que j'ai aimés, au cours de ces dernières années, comme Du soleil pour les gueux d'Alain Guiraudie, La Pomme de Samira Makhmalbaf, Un ange à ma table de Jane Campion, Distant Voices, Still Lives de Terence Davies, Kairat de Darejan Omirbaiev, Après la réconciliation de Anne-Marie Miéville, Saltimbank de Jean-Claude Biette, les films de Luc Moullet, sont tous des films qui ont besoin de la caméra, qui partent de ce besoin, pour projeter ce qu'ils ont à dire.." Filme der Kamera unterscheidet er von jenen, die mit dem Projektor beginnen, mit einer Aussage, nicht mit einem Bild: "Ils n'ont pas besoin de la caméra pour trouver quelque chose qu'on n'a pas vu." Später noch einmal: "Moi, je trouve que les gens ne devraient prendre une caméra que pour voir quelque chose qu'ils n'ont jamais vu. C'est devenu rare. Partir de la caméra, c'est d'abord recevoir." Irritiert zeigt Godard sich von Isild Le Bescos Aufsehen erregendem, von Chris Marker bejubeltem Debütfilm Demi-Tarif, der genau diese Differenz zwischen "Kamera" und "Projektor" zu leugnen scheint.

Gefeiert wird neben dem alten ein junger Meister, der Koreaner Hong Sang-soo, dessen Film "Die Zukunft des Menschen ist die Frau" im Wettbewerb ziemlich unterging und auch ohne Preis blieb. Obwohl der Regisseur bei den Cahiers zu Gast war, gibt es kein Interview im engeren Sinne, sondern eine Sammlung von Äußerungen Hong Sang-soos zu verschiedenen Fragen des Kinos. Zum Thema "Référence": "Quelque chose me frappe et a du sens, mais si je remonte, il y a toujours un objet d'art. Je travialle à ne pas utiliser des fragments déjà filtrés et à rechercher le matériau brut. C'est pour cette raison que mes scènes de sexe sont souvent qualifiées de réalistes. En réalité, je cherche sourtout a retrouver un matériau vierge de références. Un film est bon pour moi s'il m'apporte de nouvelles sensations et s'il modifie ma manière de penser. C'est pourquoi la forme est si importante pour moi. Nour partageons tous les mêmes matériaux. Mais la forme qu'on utilise mène à des sensations différentes ou à de nouveaux questionnements, de nouveaux désirs." Die Kritik zum neuen Film fällt im übrigen ziemlich verhalten aus.

Dann wird das neue Kino, das Kino ohne Geschichten des Abbas Kiarostami gefeiert, als dessen großes Zeugnis "Five" nach Ansicht von Alain Bergala anzusehen ist: "Ces cinq plans qu'ils nous donne 'a voir aujourd'hui ont été lentement et j'imagine impitoyablement tamisés à partir d'une expérience nouvelle de faire du cinéma que Kiarostami pratique maintenant depuis au moins deux ans. Autant dire que ce que nous voyons en moins d'une heure trente de projection n'a rien à voir avec une pure décision d'artiste conceptuel, mais représente à n'en pas douter une longue et lente découverte d'un outil, d'une posture et d'un nombre incalculables d'heures d'erance, d'affût, de ratages, de reprises, de découragement, de coups au coeur, d'espoirs fébriles, de croyance dans le cinéma sans histoire (aux deux sens du terme: le cinéma avant l'histoire du cinéma, le cinéma sans avoir à inventer une histoire, même si des histoires adviennent à ce cinéma.)". Besprochen wird auch Kiarostamis Auto-Kommentar "10 on Ten".

Weitere Artikel: Eine Rehabilitation, wenn man so will, des Regisseurs Peter Weir, jedenfalls seines australischen Frühwerks. Ein Special zum neuen lateinamerikanischen Kino, unter besonderer Berücksichtigung Argentiniens. Ein Porträt Maggie Cheungs, die die Hauptrolle in Olivier Assayas' neuem Film "Clean" spielt. Ein Bericht zur rekonstruierten Fassung von Sam Fullers "The Big Red One", die auch in Cannes zu bewundern war.

Vorgestellt wird, im Kritikenteil, der japanische Regisseur Kiyoshi Kurosawa (Cure, Doppelganger). Besprochen werden unter anderem "Kill Bill 2" (freundlich; in der Punktewertung auf der letzten Seite kommt er aber nicht sehr gut weg) und vier neue Bücher zu Antonioni.

Poker face

"The jury did not reveal individual votes but hinted at some differences. Its jury prize for the Thai film "Sud Pralad," which sharply divided Cannes audiences, also split the jury, "but some of us were moved by that film to a staggering degree," Tarantino said, and so dissenters on the jury respected their passion.

He defended the Grand Prize (second place), which went to the violent Korean revenge thriller "Old Boy." "The most exciting films in the world are coming out of Japan and Korea right now," he said. "It took 10 years for the genre pictures of Hong Kong to be recognized; it's great that a film like this can play in Cannes." Fellow juror Tsui Hark, whose own Hong Kong genre pictures, like "Chinese Ghost Story," took years to win recognition, kept a poker face."


Roger Ebert ungewöhnlich reduziert über die Pressekonferenz der Jury von Cannes am Tag nach der Bekanntgabe der Preise. Erstmals in der Geschichte des Festivals hat sich eine Jury erklärt und die eigenen Entscheidungen vor der Öffentlichkeit gerechtfertigt. Zuvor war Kritik an der Auszeichnung für Michael Moore mit der Palme d'Or laut geworden.



Frankenstein-Special auf bmovies.de

Kaum eine Filmgattung hat den Archiv-Gedanken so verinnerlicht wie der Horror- und Gruselfilm. Seien es innerhalb des Films Zitate, Anspielungen und das Durchexerzieren (und -variieren) von sattsam bekannten Genreregeln, oder aber, jenseits der Filme, das Sammeln von Artwork, Merchandise und Memorabilia. Eines der schönsten Online-Archive, das sich vor allem dem Artwork und der Kunst der Grusel-Werbung verschrieben hat, ist mit Sicherheit bmovies.de.

Gelegentlich finden sich dort auch kleine Specials. So beispielsweise seit kurzem eine kleine, aber feine Frankenstein-Ecke, in der vor allem die ersten Jahre des mit prominentesten Filmmonsters beleuchtet werden. Die Infos sind zwar knapp, aber konzentriert. Von ungleich größerem Reiz ist da schon das wieder liebevoll zusammengetragene und in erfreulich guter Qualität betrachtbare Artwork. Darunter auch einige Frames der allerersten Adaption von Mary Shelleys Roman, deren einzig erhaltene Kopie erst vor kurzem in einem Archiv entdeckt wurde.

Eher was zum entspannten Ankucken also, aber eben was sehr Schönes.

Tomio Aoki

Am 20. Januar 2004 starb der japanische Schauspieler Tomio Aoki im Alter von 80 Jahren an Krebs - und somit gewissermaßen die Personifikation der japanischen Filmgeschichte. Bereits mit 5 Jahren stand Tomio Aki vor der Kamera: Für Yasujiro Ozu (Special) in dessen The Life of an Office Worker. Zahlreiche gemeinsame Arbeiten folgten.

Tomio Aki arbeitete im weiteren Verlauf seiner Karriere mit den größten Regisseuren Japans: Umetsugu Inoue, Hiroshi Shimizu, Hiromasa Nomura, Seijun Suzuki und viele andere besetzten regelmäßig Rollen mit dem Darsteller, der bis zuletzt vor der Kamera stand (sein letzter Film, Walking with the Dog, feierte jetzt im Mai Premiere).

Auf midnighteye.com findet sich ein ausführliches Feature.


Verona Feldbusch im New Yorker

Wie sie da reingeraten ist, kapier ich nicht so ganz, aber da steht sie: Verona Feldbusch im New Yorker. Im Artikel geht es um eine Preisverleihung an Stunt-Doubles.

[via Perlentaucher]

America's most influential political documentary filmmaker

Nein, nicht der, an den jetzt alle denken. Sondern, passend zur Gelegenheit, ein Link zum großartigen Emile-de-Antonio-Dossier beim ja auch stets großartigen Online-Magazin Senses of Cinema. De Antonio, Freund von Künstlern von Robert Rauschenberg bis Andy Warhol, drehte, von weit links, aber nicht im Populismus-Format seines Nachfolgers Michael Moore, Filme über Vietnam (The Year of the Pig), über Joseph Mc Carthy (Point of Order), über seine beinahe lebenslange, wenngleich lange Jahre sehr einseitige Beziehung zum FBI (Hoover and I) und überhaupt über alles, was die USA im letzten Jahrhundert umtrieb. Für alle Berliner Leser: Das Arsenal zeigt derzeit eine Reihe mit den Filmen von de Antonio: Programmtext.

Nachtrag Cannes

Nicht (und eigentlich: nie) zu vergessen Claus Philipp vom österreichischen Standard:

Ähnlich wie die Folterbilder aus dem Irak, die erzählen, wie grausam Krieg seit jeher sein kann, hat auch Michael Moore dem altbekannten Bild eines republikanischen Präsidenten, der es sich sogar leisten kann, ignorant und tollpatschig zu sein, wenig mehr hinzuzufügen als ein paar neue, blumige, wenn man so will: vermarktbare Details. Das ändert aber nichts daran, dass er im Prinzip in denselben Formaten arbeiten muss wie seine Gegner.

Hier die Seite mit Philipps vollständiger Cannes-Berichterstattung.

Und noch ein Nachtrag. Bei der Netzeitung berichtet der frühere Jump-Cut-Mitarbeiter Sascha Rettig in einer langen Zusammenfassung vom gesamten Wettbewerb:

Mit der Entscheidung für Moore bezog die Jury unter Leitung von Regisseur Quentin Tarantino eindeutig Stellung gegen die Politik der US-Regierung und Präsident George W. Bush, denn bei «Fahrenheit 9/11» handelte es sich filmisch keinesfalls um den besten Beitrag des Wettbewerbs. Mehr ist es ein politisches Zeichen, Unterstützung für Moores Werk, das weniger Dokumentarfilm als emotionale Wahlkampfpropaganda ist.

5/23/2004

Cannes-Kommentare

Heute ist natürlich das große Aufräumen und Cannes-Bekakeln angesagt. Bevor wir kurz zusammenfassen noch Rüdiger Suchsland mit dem sechsten Teil seines Tagebuchs bei Artechock, der eine einzige Hymne aufs asiatische Kino ist (auf Wong Kar-Weis "2046" im Besonderen), bei der Johnnie Tos spät in den Wettbewerb (außer Konkurrenz) aufgenommener Film "Breaking News" gewürdigt wird (sonst fiel er weithin unter den Tisch):

Während Johnnie To in Berlin immer nur ins Forum durfte, läuft sein neuester Film BREAKING NEWS nun hier im Wettbewerb. Eine überfällige Anerkennung. Schade, dass dazu der Berlinale der Mut fehlte - die Grenzen zwischen Genre und Kunst werden in all diesen Filmen eingeebnet. BREAKING NEWS ist eine komplexe Studie über Macht und Medien im Stil eines Hongkong-Gangsterfilms, Kino als Kinese, massive und doch flüchtig leichte Bewegung von Materie durch den Raum. Wenn 2046 an ein Jazzkonzert in einem verrauchten Keller mit einer hübschen Damentoilette erinnert, dann ist BREAKING NEWS ein brilliant choreographiertes Ballett mit angeschlossener Garküche: denn gekocht wird hier viel und gut.

Hier nun Auszüge aus den Resümees:

Cristina Nord in der taz:

Warum geht der Hauptpreis der 57. Filmfestspiele von Cannes an eine Mischung aus Propaganda, Verschwörungstheorie, Essayfilm und Dokumentation, wenn sich doch einige herausragende Spielfilme anboten? (...) Da traf es sich gut, dass alle anderen Filme entweder für den exzentrischen Geschmack zu konventionell (in diese Kategorie fiele zum Beispiel Walter Salles "Diarios de motocicleta") oder aber für den konventionellen Geschmack zu exzentrisch (in diese Kategorie fiele Apichatpong Weerasethakuls "Tropical Malady") waren. (...) Die Tage, in denen das Kino visuelles Leitmedium war, mögen längst vorbei sein. Fernsehen, Video und computergenerierte Bilder mögen ihm den Rang abgelaufen haben. "Sud Pralad" [d.i. Tropical Malady] aber beschreibt einen Weg, wie sich das Kino erneuern kann.

Daniel Kothenschulte in der FR:

Diskussionen um Fahrenheit 9 / 11 kreisen hier vor allem um die Frage, ob diese Anklageschrift in bewegten Bildern überhaupt noch Kino sei. Natürlich ist es Kino, was sollte es wohl sonst sein? (...) Wenn man ehrlich ist, dann gab es dieses eine, richtungsweisende Meisterwerk, als das Gus van Zandts Elephant im letzten Jahr einen miserablen Wettbewerb überstrahlte, diesmal einfach nicht."

Anke Westphal in der Berliner Zeitung:

Dokumentarische Ästhetiken haben längst auch die Fiktionalität von Spielfilmen umdefiniert. Obwohl reportagehaftes Erzählen letztlich auch nur eine Form der Kunststilisierung ist, suggeriert es größere Wirklichkeitsnähe. Der Bedarf danach ist groß - manche Kritiker halten das für einen besonders hybriden Ableger des Eskapismus. (...) Mit "Old Boy", der Comic-Adaption des koreanischen Regisseurs Park Chan Wook gewann der ästhetisch interessanteste Film immerhin den Großen Preis der Jury.

Lars-Olav Beier bei Spiegel Online:

Am Ende bewies auch der Wettbewerb von Cannes eine gewisse Ratlosigkeit, die derzeit das Weltkino beherrscht. Man ließ herkömmliche Spielfilme und computeranimierte Spektakel wie "Shrek 2", Dokumentationen wie "Mondovino" und Propagandafilme wie "Fahrenheit 9/11" gegeneinander antreten - und zeigt dabei vor allem, wie verzweifelt die Filmemacher darum ringen, für die heutige Welt die passenden Bilder zu finden.

Susan Vahabzadeh in der SZ:

Über den Sinn und Nutzen von "Fahrenheit" kann man geteilter Meinung sein, aber um eine cineastische Großtat handelt es sich nicht.(...) In diesem Jahr hat sich niemand aufgeregt - aber ein Haufen konsensfähiger Filme kann nie den revolutionären Geist entfachen, den ein Festival wie Cannes braucht.

Christoph Egger befasst sich in der NZZ vor allem mit Wong Kar-Weis "2046" und Zhang Yimous "House of Flying Daggers", kommentiert aber knapp:

Eine massiv USA-dominierte Jury hat die Gelegenheit genutzt, einer missliebigen Regierung eins auszuwischen, indem sie am Samstagabend «Fahrenheit 9/11», dem Pamphlet des amerikanischen Dokumentaristen Michael Moore, die Goldene Palme des 57. Filmfestivals Cannes zusprach.




tapferkeitsmedaille

Neben Michael Moores Tapferkeitsmedaille für Gratismut vor dem Feind sollten die im engeren Sinne künstlerischen Preise nicht ganz untergehen:

So hat Park Chan-Wook für "Old Boy" den Großen Preis der Jury erhalten. MRQE führt bisher zwei Kritiken. (Link zu einem kleinen Porträt des Regisseurs. Und auch Links zu Kritiken zu den Vorgängerfilmen "Joint Security Area" und "Sympathy for Mr. Vengeance".)



Den Preis der Jury (weiß der Teufel, was genau das ist und wozu es gut sein soll und ist ja auch egal) erhielt Apichatpong Weerasethakul [auf dem Foto links] für seinen polarisierenden Film "Tropical Malady". MRQE: 2 Links. In Deutschland schrieb meines Wissens nur Cristina Nord in der taz ausführlicher.(Porträt des Regisseurs, Kritik zu "Mysterious Object at Noon" und zu "Blissfully Yours".)

Beste Darsteller: Yuuya Yagira in "Nobody knows" von Hirokazu Kore-eda. MRQE: 2 Artikel. (Porträt des Regisseurs, Kritik zu "After Life", Kritik zu "Maborosi".)

Maggie Cheung in "Clean" von Olivier Assayas. MRQE: 2 Artikel. (Kleines Porträt des Regisseurs, Kritik zu "Demonlover")

Bestes Drehbuch: "Comme une image" von Agnès Jaoui und Jean-Pierre Bacri. MRQE: 2 Texte. (hier die Kritik zum Vorgänger "Lust auf anderes").

Regiepreis an Tony Gatlif für "Exils". MRQE: 2 Artikel.

Und der Preis in der Nebenreihe "Un Certain Regard", in der Angela Schanelecs sehr spröder, sehr schöner dritter Film "Marseille" leider ziemlich unterging (MRQE: 1 Artikel), geht an den Altmeister des afrikanischen Kinos, den Senegalesen Ousmane Sembene für "Moolaade". MRQE: 2 Artikel.

Vernichtend übrigens die Kritik beim mainstreamseligen Hollywood-Reporter zu "Marseille":

With a pretentious shooting style and obscure narrative whose characters never get introduced and key moments occur off screen, "Marseille" by German director Angela Schanelec fails to engage the viewer at any level. (...) Story's non-resolution and lack of clarity leaves a viewer with little to chew over other than why the film was ever made. Lack of any music, lighter moments or interesting camera angles only further distances the viewer from the film.

Kurz gesagt: Sie hätte gefälligst einen Hollywood-Film machen sollen. Glauben Sie kein Wort. "Marseille" verlangt Geduld und belohnt sie reich. Prätentiös ist hier gar nichts, nur genauestens überlegt. Der Wechsel von Ellipsen und Redundanzen ist offenkundig künstlerisches Prinzip und schon für sich aufregend. Radikalere Filme macht in Deutschland derzeit niemand. Ab Herbst in den deutschen Kinos. (Hier ein Porträt der Regisseurin, hier die Kritiken zu "Plätze in Städten" und "Mein langsames Leben".)

New York Times on Moore

Michael Moore hat für sein Anti-Bush-Filmessay "Fahrenheit 9/11" die Goldene Palme in Cannes gewonnen. Die New York Times in ihrer Meldung dazu:

With his characteristic blend of humor and outrage - and with greater filmmaking discipline and depth of feeling than he has shown in his previous work - Mr. Moore attacks Mr. Bush's response to Sept. 11, his decision to invade Iraq, and nearly everything else the president has done.

"I did not set out to make a political film," Mr. Moore said at a news conference after the ceremony. "I want people to leave thinking that was a good way to spend two hours. The art of this, the cinema, comes before the politics.


Die Notiz "It is also a film financed by Miramax, which distributes Mr. Tarantino's movies." könnte dann schon fast wieder den Stoff für einen ähnlichen Film abgeben: Tarantino war Präsident der diesjährigen Jury.

Hier die ausführliche Besprechung der Times von Frank Rich: "Of course, Mr. Moore is being selective in what he chooses to include in his movie; he's a polemicist, not a journalist. But he implicitly raises the issue that much of what we've seen elsewhere during this war, often under the label of "news," has been just as subjectively edited."

Weitere Kritiken hier.

Ryuhei Kitamura auf midnighteye.com

Seit seiner Action-Splatter-Revue "Versus" (Japan 2000) genießt Ryuhei Kitamura weltweit unter Aficionados den Ruf eines Kultregisseurs. Im Rahmen des "Duel Project" (hier Infos) lief vor kurzem sein eher zwiespältig aufgenommener Film "Aragami" in den hiesigen Kinos (Kritik). Als nächstes steht die Regie für "Godzilla - Final Wars" (offizielle Website) an.

Midnighteye.com, das Online-Fachmagazin für den japanischen Film, hat sich ausführlich mit Kitamura unterhalten:

It was my first feature film and maybe it was going to be my last. I risked everything, so there was a possibility that I could never do it again. Then why not do everything I like and use everything that influenced me? I just put everything I loved into the movie. People categorise things too easily. They say it's a horror movie, so you shouldn't add comedy or action. They want to limit it too much to one genre. I'm not that simple, I got a lot of influence from a lot of things. I don't like people telling me what type of movie I should make.

Des weiteren bei midnighteye.com: Ein Review zu Kitamuras Manga-Adaption "Azumi". "Azumi was his first chance to show what he could do with the financial backing of a major studio, and to make a significant step toward realizing his unabashed dream of becoming a big-budget Hollywood director. Could Kitamura make the step up from fanboy messiah to mass-market success story?" Offenbar nicht: Trotz technischer Finesse habe der Film mit seinem unausgewogenen Erzähltempo zu kämpfen. Letztendlich sei der Film durchwachsen und die Fans würden enttäuscht, so Don Browns Prognose.

Weitere Besprechungen: "The Taste of Tea" (Katsuhito Ishii, J 2004) und "Kamikaze Girls (Tetsuya Nakashima, Japan 2004). Eigentlich einen eigenen Eintrag wert wäre die Besprechung zu "Writing in Light" von Joanne Bernardi, einem Buch über die Stummfilmjahre des japanischen Kinos (Waye State University Press). Nur wenig ist von diesen Jahren bekannt, kaum mehr als eine Handvoll Filme ist erhalten - die der Jahre 1896 bis 1917 fehlen gar völlig. Joanne Bernardis "academic publication, though thoroughly accessible for layman readers," sei da ein "flashlight in the dark". Keine Frage: Das Buch wird im Hinterkopf behalten.