8/18/2004

Eugène Green: Le Pont des Arts

Kein jüngerer Regisseur, von dem ich noch nie einen Film gesehen habe, interessiert mich mehr als Eugène Green. In Locarno ist sein neuer Film gelaufen, der dritte, ein Meisterwerk offenbar, Le Pont des Arts, in den ohnehin eher spärlichen deutschen Festivalberichten kam er, so weit ich sehen kann, nicht vor, dafür bei Libération. Das Festival war enttäuschend, meint Philippe Azoury, Greens Film nicht. Hier ein längeres Zitat:

Bresson est d'ailleurs en train de redevenir la référence absolue chez nos grands minoritaires. Il hante aussi le Pont des arts d'Eugène Green. Mais là où Rousseau est un bressonien inconsolable, Eugène Green s'affirme avec ce troisième film comme un bressonien loufoque, détournant avec de plus en plus de légèreté les éléments fondamentaux du maître (Monteverdi, dandys gidiens, suicide de jeunes filles douces) vers une sève baroque bien à lui. On aura le temps, à sa sortie automnale, de revenir sur tout ce qui réjouit dans le Pont des arts (en dépit de quelques silhouettes caricaturales) et de repenser à la définition que Green donne du baroque : «La coexistence de deux choses contradictoires.» Ici, un garçon vivant et une morte. Ils ne se sont jamais rencontrés. Pourtant, ils s'aiment.

In Le Monde heißt es gar: "Eugène Green illumine Locarno".

Auf einer arte-Seite ist dies über Green nachzulesen:

Der begeisterte Fan barocken Theaters aus dem 17. Jahrhundert schrieb in den 1970er-Jahren mehrere Stücke und gründete das Théâtre de la Sapience, in dem er Stücke aus dem 17. Jahrhundert mit Techniken aus der damaligen Zeit inszeniert (besondere Vortragskunst, akzentuierte Aussprache, streng kodifizierte Gestik...). In seinem Buch „La parole baroque“ (zu deutsch „das barocke Wort“) stellte er die Ergebnisse mehrerer Studien- und Recherchejahre zur barocken Kultur zusammen.

8/17/2004

Vincent Gallo

Es gibt sone und sone Irre. Wir haben Schlingensief, aber der ist nichts gegen Vincent Gallo (hier übrigens ein ganz langer Verriss der Parsifal-Inszenierung im New Yorker). Vincent Gallo ist hors categorie. Hier ein Bericht in der New York Times von einem Interview zum sehr sehr schönen Brown Bunny. (Unsere Kritik.)

8/16/2004

Sight & Sound, September 2004

Das Hausmagazin des British Film Institute widmet sich in seiner September-Ausgabe ganz der Filmmusik, wobei vier von der Redaktion gestellte Fragen (im Stile von "In what way does music best enhance film?") und deren Beantwortung durch Filmschaffende (die auch ihre Lieblingsscores preisgeben) einen erheblichen Teil ausmachen. So erklärt etwa Olivier Assayas, dass er die Musik zu Heaven's Gate liebt, denn "[it] embodies everything the movie is reaching for, especially the heartbreaking sense of passing time" und Martin Scorsese bringt seine Bewunderung für Bernard Herrmann zum Ausdruck, der auch in einem knappen Portrait betrachtet wird.
Die Fragen und Antworten sind "in all their unedited glory" (in der Tat länger als in der Print-Ausgabe) übrigens auch online nachzulesen.

Interessanter ist allerdings ein Artikel des Filmmusikschwerpunkts, der leider nicht online verfügbar ist: Richard Dyers Betrachtungen zu Nino Rota, in denen er den langen und schwierigen Werdegang des großen italienischen Komponisten nachzeichnet und versucht, dessen Stärke vor allem in seiner vermeintlich geringen Originalität und erheblichen Zitatverliebtheit zu sehen.

Außerhalb des Schwerpunkts befasst sich das Magazin außerdem ausführlich mit dem Metallica-Film Some Kind of Monster, den Rezensent Nick Roddick ganz in der Geschichte großer Band-Filme wie Godards Sympathy for the Devil oder Gimme Shelter sehen will, wenngleich "not for the politics but for its examination of the creative process".

Des weiteren beschäftigt sich Julian Graffy auf zwei Seiten mit Alexandr Sokurovs Father and Son, in der Intention, sich von den Schlagwörtern, mit denen der Film belegt worden ist ("has been called autobiographical, homoerotic and 'sunny'"), etwas zu entfernen und die dem Film innewohnende Melancholie genauer zu erfühlen. Gleichzeitig verortet er ihn in einem Trend des jüngeren russischen Kinos, der familieninterne Beziehungen wieder stärker in den Blick zu nehmen pflegt. Für Father and Son hält er jedoch fest:

"Of all these stories, Sokurov's is the most daring and existentially fearless. His view of living in the family and in the world seems to involve stoic acceptance of human solitude and mortality combined with an insistence that family love can make our lives more bearable."

Im Rezensionsteil der Zeitschrift wird unter den zahlreichen Besprechungen viel Ehre verliehen: Mark Cousins stellt sich größtenteils hinter Fahrenheit 9/11 ("A great work of editing and patience, it is marred by lapses in rigour. Despite this, [it] ranks as a work of cinema with the best of Santiago Alvarez and Esfir Shub"), Geoffrey Macnab lobt Salles' The Motorcycle Diaries (mit der Kritik geht im Zuge eines Vorausblicks auf das diesjährige Edinburgh Filmfestival auch ein Interview mit dem Regisseur einher) und Kim Newman ist sehr angetan von Hellboy, angeblich "2004's smartest comic-book adaptation", wie es schon auf dem Cover prangt.

Locarno

Christoph Huber fasst in der österreichischen Tageszeitung DiePresse seine Eindrücke vom Filmfestival Locarno zusammen: ein braver Wettbewerb, der sich klar zu humanistischen Werten bekannte, künstlerisch aber nur selten beeindruckte. Mit einem Höhepunkt abseits des Bewerbes.

Grafe-Rezension in der FAS

In der gestrigen Frankfurter Allgemeinen am Sonntag rezensiert Claudius Seidl die Grafe-Ausgabe bei Brinkmann & Bose. Aber eigentlich rezensiert er sie nicht, sondern macht es sich einfach und singt ein Loblied auf Frieda Grafe. Es gelingt ihm dabei das Kunststück, sie für seine antiintellektuellen Ressentiments zu vereinnahmen und so ganz plump auf ein Podest zu stellen, auf das sie nicht gehört. Er erklärt, sie sei die deutsche Pauline Kael, als wäre das ein denkbar großes Lob. (Umgekehrt wäre es eines, aber kein verdientes.) Er schreibt über Kracauer so, dass man sofort kapiert, er hat niemanden als dessen Epigonen gelesen. Er unternimmt nicht die Anstrengung, dem Publikum zu erklären, worin genau das Großartige von Frieda Grafes Texten liegt, aber es wird auch mit jedem Satz klar, wie das sein kann: Er selbst begnügt sich stets mit dem Ungefähren und billig Grandiosen, wo Grafe unbarmherzig auf Präzision insistierte und sich und anderen nichts durchgehen ließ, das nicht zu Ende gedacht war. Der Text ist nur gegen Geld zu haben, im FAZ-Archiv.