10/2/2004

Rosenbaum & Co

Bei Film-Philosophy rezensiert Robert Koehler drei von Jonathan Rosenbaum verfasste bzw. herausgegebene Bände, die aus der Kritik des Mainstreams in Filmkritik und Filmwissenschaft ein neues Programm ableiten, des Kritikers als "Passeur":

And yet, the project formed by these books is even more complex, for its founding father isn't actually Rosenbaum, but the late, great critic Serge Daney. This is not merely because _Movie Mutations_ is dedicated to Daney (along with critic Raymond Durgnat, who died just before publication), but because Daney's globe-trotting spirit and interest in critical communities informs this 'trilogy's' overall span. _Movie Mutations_ is forested with dialogues, a form fostered by Daney in many forums, including the French film journal he co-founded, _Trafic_, which agreed to publish the first round of letters between Rosenbaum, Martin, Kent Jones, Nicole Brenez, Alex Horwath, and Raymond Bellour that launched the 'Mutations' project. One of the dialogues, between Martin and the brilliant theorist-academic James Naremore, pursues a critique of the deep-seated problems in film studies programs, but enmeshed in this is Martin's observation of Daney's vision of 'the ideal model of a critic as a *passeur*, one who crosses different worlds and tries to build connecting bridges between them' (129).

[via daily greencine]

10/1/2004

zwei von vielen

Kleiner Ausschnitt aus der langen, sehr schönen, trefflich kommentierten Liste, die Alexander Horwath, Direktor des Wiener Filmmuseums, für die neue Buchhandlung Phil zusammengestellt hat:

Manny Farber, Negative Space. Manny Farber on the Movies [Expanded edition], Cambridge 1998
Pauline Kael ist vielleicht bekannter, aber der einflußreichste Filmkritiker aus den USA war und ist Manny Farber. Zwischen Ende der 40er und Mitte der 70er Jahre hat er über scharfe, harte, bewegliche, poptaugliche Filme geschrieben („Termite Art“ versus „White Elephant Art“), aber auch über Fassbinder und Michael Snow. Farber ist unter den Filmkritikern der Action-Painter, der Cool-Jazz-Solist, der stilistisch und gedanklich freieste Geist.

Frieda Grafe, Schriften, hg. von Enno Patalas, bisher 4 Bände erschienen, Berlin 2002ff
Frieda Grafe (2002 verstorben) war unter den Filmkritikern die „Neue Welle“, die hipste und belesenste von allen. In die deutsche Schreibe über Film hat sie das französische Element massiv eingebracht, ihr Briefwechsel mit Josef von Sternberg, ihre Essays über Ophüls, Fritz Lang, Farbe im Kino usf. sind die hohe Schule. Kino ist für sie, wie für Godard: „nicht die Reflexion der Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit dieser Reflexion“. Grafes Schreiben (wie jenes von Manny Farber und Serge Daney) war nicht Journalismus, sondern Literatur des 20. Jahrhunderts.

9/30/2004

Webloghinweis: Simulationsraum

Jump-Cut-Mitarbeiter Stefan Höltgen nun auch mit eigenem Weblog: Simulationsraum über Medien/Film/Kultur.

9/29/2004

Nach dem Film lebt: Nummer 5

Das Online-Magazin für Film und Filmwissenschaft "Nach dem Film" hat soeben seine fünfte Ausgabe ins Netz gestellt. Nachzulesen sind Texte einer in Frankfurt (Main) 2002/3 (sage keiner, dass im Netz alles immer schnell geht) veranstalteten Tagung zum Thema "Perspektiven der Filmwissenschaft". Hier die Selbstvorstellung der einzelnen Vorträge:

"Vergessen wir nicht – das Kino!" Ausgehend vom Diskurs des Kinos in filmwissenschaftlichen Ansätzen vor und nach der Filmsemiologie, stellt Sabine Nessel die Frage, in welcher Weise das Kinoereignis überhaupt in der Sprache stattfinden kann. In "Ausrinnen als Einübung" vertritt Drehli Robnik die These vom Splatter-Film als Denk-Anstoß für die Filmwissenschaft, die den "Wert fleischlicher Sinnstiftung" zu schätzen weiß. In "Videoüberwachung und Filmwissenschaft" analysiert Winfried Pauleit den Umgang des Filmwissenschaftlers mit dem Videorecorder. Der Filmwissenschaftler gerät von hier aus in die Nähe des kriminologischen Ermittlers. Um spezifische Raumdimensionen geht es in den Beiträgen von Marc Ries und Ute Holl. Marc Ries konstatiert die "Verströmung des Films an für ihn uneigentliche Orte" und zeigt auf, was es heißt, wenn wir Filme jenseits des Kinos im Fernsehen, im Kunstraum oder auf dem Bildschirm unseres Rechners sehen. Ute Holl schlägt in "Ur-Sprünge" einen Bogen von Trinitys Sprung am Anfang von The Matrix zur Desorganisation des Kinoraums in den Filmen von Maya Deren. Der (etwas andere) Bezug auf die Dimension Körper verbindet die Texte von Anja Streiter und Nora Abdel Rahman. In "Das 'Kino der Körper' und die Frage der Gemeinschaft" zeigt Anja Streiter am Beispiel von Jacques Doillon auf, was es heißt, als Filmwissenschaftlerin die spezifische Stellung des Schauspiels zu bearbeiten. Nora Abdel Rahman stellt demgegenüber eine Verbindung her zwischen der akustischen (und damit somatischen) Dimension in Lacans Spiegelstadium und der Raumphilosophie von THX.

Michelangelo Frammartino: Il Dono

In Frankreich läuft heute Michelangelo Frammartinos Debütfilm "Il Dono" an. Die dialoglose Geschichte eines Dorfes in Kalabrien entstand 2002, lief 2003 in Locarno, bei uns keine Spur. Dafür die Hymnen in der einschlägigen französischen Presse.

Le Monde: Très rigoureux formellement, le film se déploie comme une composition plastique, un ensemble de trajectoires qui se croisent et s'entrechoquent dans de longs et larges plans. Qu'ils soient vivants ou inertes, les corps inscrivent des traces dans l'espace au gré de leur mouvement, du rythme auquel ils se déplacent, et en modifient les contours.

Interview mit dem Regisseur, der eigentlich Architekt ist, in Le Monde: Le titre Il Dono a peut-être moins à voir avec la pensée de Derrida qu'avec, simplement, la force du don désintéressé et sa capacité à créer une rupture. Cette question dépasse le cadre de ce petit village calabrais ; elle prend sens à l'échelle de tous les rapports sociaux. La notion de don est une aporie : pour être vraiment un don, l'action doit s'annuler en même temps qu'elle s'accomplit, afin d'éviter toute possibilité de réciprocité. Et je pense que le cinéma est un lieu d'apories permanentes, notamment à cause du cadre, qui laisse à l'extérieur des choses plus importantes que celles qu'il ne montre. Dans le film, la maison du petit vieux, par exemple, au sein de laquelle sont entreposées les tuiles de son propre toit, s'inscrit dans ce paradigme aporétique.

Und die Kritik in Libération: La démonstration d'Il Dono, tout aphasique qu'il soit, est éloquente : c'est un film qui grandit à mesure qu'il soustrait, là où tant d'autres cinéastes ne cessent d'additionner, noyant l'écriture des films sous les déluges d'un visuel surchargé. Ici, nous avons affaire à du plan, de l'image, du temps filmé, mais jamais à de l'iconographie, de l'illustration ou de l'effet. Qui a parlé de Kiarostami ?

Heimat 3

Vom Betreiber der größten Heimat-Fansite Thomas Hönemann gibt es einen sehr persönlich gehaltenen Bericht von der Heimat-3-Premiere in München. Ungute Gefühle beschlichen ihn, wie eigentlich alle Betrachter, auch die Wohlwollenden, bei den ersten drei Filmen:

"Dass ich die ersten drei Filme in München wie eine Achterbahnfahrt erlebte führte ich zunächst auf auf eigene Befindlichkeiten und eine verklärte Erwartungshaltung zurück. Aber es wurde auch in der Reflexion deutlich: gerade die ersten drei Filme unterlagen wohl in besonderem Maß dem Einfluss der finanzierenden Fernsehanstalten. Nun, dass die Fernsehgewohnheiten der Menschen sich in den vergangenen zwanzig Jahren verändert haben wird niemand bestreiten, aber dennoch: dass die Wiedervereinigung der zwei, die sich zuvor dreizehn Folgen und sechsundzwanzig Stunden lang hingebungsvoll gesucht und dann doch nicht gefunden haben, bei gleichzeitigem Fall der Mauer innerhalb von weniger als fünf Filmminuten vollzogen war, verwarf zunächst all meine Hoffnungen im Hinblick auf das Anknüpfen an den lieb gewonnen bedächtigen Reitz'schen Erzählrhythmus. Der Eindruck der übergroßen inhaltlichen Dichte der ersten Filme hat sich beim zweiten Sehen durchaus relativiert, aber dennoch: seinen wirklichen eigenen Stil hat Edgar Reitz meiner Ansicht nach erst und gleichzeitig in besonderer Weise mit dem vierten Film wieder gefunden bzw. realisieren können."

In ausgewählten Kinos läuft der 6-Filme-Film mit der Dauer von insgesamt 12 Stunden morgen an. In Berlin gibt es zum Beispiel eine auf den nächsten Sonntag und den darauf folgenden Samstag verteilte Vorführung in der Urania. Im Fernsehen läuft die Serie im Dezember, jedoch musste jede der unterschiedlich langen Folgen so gekürzt werden, dass sie in den vorgesehenen Slot passt. Dabei gehen, wie zu erfahren ist, durchaus einige Figuren und Handlungsstränge hops. Die gute Nachricht ist aber (und das ist erstaunlich genug), dass die vollständige Fassung bereits vor der Fernsehausstrahlung, irgendwann Anfang Dezember auf DVD erhältlich sein wird.

tanner

Tanner, Robert Altmans Pseudo-Präsidentschaftswahlkampf-Doku von 1988, ist - wenn Sie mich fragen - einer seiner besten Filme, in Form einer Fernsehserie. Jetzt gibt es eine Fortsetzung, darüber berichtet die Village Voice:

Altman says one of his favorite scenes in Tanner on Tanner takes place during the Democratic convention: Alex Tanner goes to interview Ron Reagan Jr. and runs into Alexandra Kerry, who just so happens to be making a documentary about her dad's campaign. For real. Cynthia Nixon sees this collision of Alexes as "the centerpiece" of the series. "It's like the ultimate meeting of reality and fiction," she says, a few days after winning the Emmy for her role as Miranda on Sex and the City (and a few days before the tabloids outed her). When asked if she offered Alex Kerry any advice based on her experience as a (fictional) candidate's daughter, Nixon laughs. "Well, as Ron Reagan Jr. tells me in the episode, 'Of course, you don't really know what it's like—your dad lost.' "

9/26/2004

Shaw-Retro auf dem New York Filmfestival

Im Rahmen des New York Filmfestivals zeigt die Film Society of Lincoln Center 12 Filme aus der Filmschmiede der Shaw Brothers (wie erinnern uns an dieses Weblog, das vor kurzem hier verlinkt wurde).

Terence Rafferty stellt die Reihe in der New York Times vor, bleibt dabei aber auch, vor allem was die Huangmeixi der Reihe betrifft, etwas reserviert:

"And while you may not want to order most of these dishes again, they're all worth sampling once.

The series is, in fact, far more satisfying as a history lesson than as a feast of aesthetic delights. Although I wouldn't care to make too strong a case for, say, Inoue Umetsugu's "Hong Kong Nocturne'' (1966) as a work of cinematic art, it is undeniably a fascinating artifact[.]"


Seinem Fazit hingegen kann man sich voll und ganz anschließen:

"Ultimately, this uneven but valuable retrospective seems to be telling the story of how Hong Kong cinema, between the 50's and the 70's, reinvented its mission and even its destiny. Its fate, as things turned out, was not to make moviegoers sad but to make them absurdly, unreasonably happy."