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Jean Eustache: La Maman et la putain (F 1972)

Kritik von Ekkehard Knörer 

Jean-Pierre Léaud bleibt in der Schwebe. Seine, Alexandres, Haltlosigkeit bildet Symptome aus und diese fügen sich zu einer Geschichte aus Worten. Diese Worte sind leer, bleiben in der Schwebe, haften sich an, für Momente, verselbständigen sich, passen zur Figur, zur Situation – oder auch nicht. Die Worte erschaffen Situationen oder sie verhallen in ihnen. Jedenfalls: Sprechakttheoretisch höchst ambivalente Verhältnisse. Die Worte sind schwach wie das Fleisch Alexandres, der Heiratsanträge macht, als wisse er nicht, was er sagt. Zwischen den Dingen, die ihn umgeben, den Gefühlen, die er hat, den Worten, die er macht, den Menschen, mit denen er redet, gibt es nichts als lose Verbindungen. Schon die Frage, ob er meint, was er sagt, unterstellt eine Identifizierbarkeit des Willens, Wollens und Meinens, die sich in den Strömen von Geschichten und Nebensächlichkeiten, pathetischen Behauptungen und Non-Sequiturs früh schon verloren hat.

Es geht aber weiter. Vieles bleibt folgenlos, wenngleich auch der Unterschied zwischen dem, was eine Folge wäre (Leid, Schmerz, Liebe), und der Folgenlosigkeit (man macht einfach weiter, was Alexandre sagt und tut, hat keine Konsequenz) diffundiert. Die Worte, die gerichtet sind, an sich selbst, an den anderen, modulieren die Leere und so gibt es in "La maman et la putain" Leeren, die sich unterschiedlich anfühlen, aber eine Fülle als genaue Bestimmbarkeit gibt es nie. Die Komik entsteht genau an den Ritzen zwischen dem Gesagten und dem Verhallen im Unbestimmten. Große Gesten im Kontrast zu narzisstischen Kleinlichkeiten. Je genauer Alexandre sich selbst beschreibt, in einer an Proust, den er liest, durchaus gemahnenden Differenzierungswut, desto größer wird die Kluft zu dem, der er ist. Die leer laufende Beschreibung macht das Beschriebene verschwinden. Dem korrespondiert die atemberaubende Oberfläche des Jean-Pierre Léaud, seine erhobenen Zeigefinger, sein mitunter sehr irrer Blick, das ernste Gesicht, der Mund, der redet und redet, Gesten, Andeutungen von Erschöpfung und das Weiterreden. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass Alexandre wirklich still sitzt und liest. Im Café vollzieht er nur die Geste des Lesens als Rücckzug – für Veronika.

Auch Eifersucht ist nur ein Wort. Alexandre reißt die Augen auf, probiert es an, verspricht sich etwas davon. Zu bedeuten hat das nichts. Und selbstverständlich ist Politik nur ein Wort, ein verächtliches zudem. Eine radikalere Absage ans Politische als dieser Film sie vorführt ist kaum je ausgesprochen worden. Wenn Handeln im Zeichen des Politischen heißt, dem eigenen Tun die Verantwortbarkeit für eine Gemeinschaft zu unterstellen, der man sich zugehörig fühlt, dann ist Alexandre der vollkommene Antiheld des Politischen. Gemeinschaft ist ein Wort, das er nicht aussprechen könnte, es reimt sich nicht auf Ich. Alexandre kann nicht Wir sagen, auch darum hat er zu keiner der Frauen, mit denen er schläft, das, was man eine Beziehung nennen könnte. Das Versprechen der Ehe – und es gibt die verzweifelte Suche nach einer privaten Gemeinschaft, bis zuletzt - wäre so leer, wie das, was man in einer Sprache, die man nicht versteht, sagt, nur leer sein kann.

Der Film besitzt, auch in seiner endlos kreisenden Geschwätzigkeit eine atemberaubende Präzision als Symptom (es ist das Jahr 1972) – und weiß zugleich sehr genau, dass er dieses Symptom ist, ja, er will trotzig entschlossen dieses Symptom sein. Er teilt die Lust der Hauptfigur an der Provokation, wenn er mit ihr ein Buch über die SS durchblättert und nicht mehr als einen Anlass für schlechte Scherze darin sieht. Für die Frauenbewegung gilt dasselbe. Einem Behinderten wird ohne Gewissensbisse der Rollstuhl geklaut. Es gibt vulgäre Scherze über Araberinnen. Natürlich ist "La maman et la putain" nicht reaktionär, er ist nur nihilistisch, führt jedenfalls einen Nihilismus vor, hat ihm nichts entgegenzusetzen und vielleicht ist gerade dieses Nichts-Engegenzusetzen-Haben der tiefste Grund der Folgenlosigkeit allen Redens und Handelns. Vorausgesetzt ist das Scheitern revolutionärer Politik. Was man dreieinhalb Stunden lang vorgeführt bekommt, ist eine Zerfallsform des Politischen. Alexandre seziert sich vor den Augen seiner Mitwelt, vor unseren Augen. Er anästhesiert sich mit Worten. Die Züge des Skalpells sind präzise gesetzt. Da ist ein furchtbarer Schmerz, er ahnt ihn, wir ahnen, aber zu spüren ist er nicht. Und das ist es, was ihn am furchtbarsten macht.

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