Charlton Heston als Christopher Leiningen

The Naked Jungle - Der nackte Dschungel

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Regisseur Byron Haskin (1899-1984). Studium an der Universität von Kalifornien, arbeitete als Cartoonist. Zum Film kam er als Filmfotograf, dann als Kameramann für Pathé und International Newsreel Co. 1920 Regieassistent für Selznick Productions. War an der Entwicklung der Tonfilmtechnologie beteiligt. 1927 Regisseur bei Warner Bros. 30er Jahre Leiter der Special-Effects-Abteilung bei Warner. 1950 Regie beim ersten Nicht-Zeichentrickfilm von Disney: DIE SCHATZINSEL. 1953 sein erster (und berühmtester) Science-Fiction-Film KAMPF DER WELTEN, nach dem Roman von H.G. Wells. Bei diesem und drei weiteren Filmen Zusammenarbeit mit dem Produzenten (und Regisseur) George Pal.

Komponist Daniele Amfitheatrof: Komponist und Dirigent. Geboren am 29.10.1901 in St. Petersburg. Studierte Komposition am St. Petersburger Konservatorium unter Joseph Witloh und V.V. Schtscherbakof, in Prag unter Jaroslav Kricka und in Rom bei Ottorino Respighi. Er wurde Assistenz-Dirigent des Augusteo-Orchesters und dirigierte in verschiedenen europäischen Städten, bevor er 1937 als Assistent an das Minneapolis Symphony Orchestra kam. 1944 wurde er amerikanischer Staatsbürger. Von 1941 bis 1965 arbeitete er in Hollywood, wo er mehr als 50 Filmscores komponierte, ebenso wie Musik fürs Fernsehen. In Italien hatte er bereits eine Reihe von Orchester-, Chor- und Kammermusiken geschrieben. Seine Musik verrät Ottorino Respighis Einfluß, in ihrem schwärmerischen Romantizismus wie in der farbigen Orchestrierung.

The Naked Jungle - Der nackte Dschungel

KOLONIALISMUS ALS MELODRAMA

Inhalt

"Hauptsächlich auf Spannung bedachter, effektvoller Abeneuerfilm von einer Pflanzung im Amazonas, die zur Jahrhundertwende von Riesenameisen angegriffen wird. Bei der Verteidigung, zusammen mit Eingeborenen, bewährt sich eine hübsche Witwe, die den mißtrauischen Farmer durch eine Heiratsanzeige kennenlernte." (Lex. des int. Films)

Analyse

The Naked Jungle ist die Geschichte einer doppelten Zivilisierung. Der Mann hat sich als Eroberer den Dschungel und seine Bewohner unterworfen, der nicht gefährdeten, sondern bedrohlichen Natur ein Stück Land entrissen und für sich und seinesgleichen lebbar gemacht. Die Gesetze des Dschungels sind außer Kraft - oder wenigstens scheinbar. In den tödlichen Ritualen der Wilden verschränken sich Brutalität und Tapferkeit zum Phantasma eines, zumindest an der Front, geduldeten Gegenentwurfs zum Eigenen. In einem zweiten Schritt will sich der Eroberer nun selbst noch einmal zivlisieren; die Referenz wäre Heart of Darkness. Der Film beginnt auch hier mit einer Fahrt flussaufwärts, während der Charakter und Eigenart des (abwesenden) Mannes Leiningen im bedrohlich Ungefähren bleiben. Zugleich ist klar, dass die Sekundärzivilisation in Gestalt der vom Bruder stellvertretend vor den Altar geführten Braut bedrohlich wird durch den Screwball-Ton, den anzuschlagen diese in der Lage ist. Die Verheiratung, und sei es stellvertretend, ist die freiwillige Unterwerfung unter die Gesetze einer stabilisierten, institutionalisierten Zivilisation, wenngleich im Namen New Orleans, dem Ort der Stellvertreter-Heirat, die Geschichte der ehemals Neuen Welt noch nachklingt. Der Abstand zwischen beiden Welten erweist sich sogleich als weit größer als die expositorische Flußfahrt des Films lang ist. In der Abgesandten der großen Stadt aber erlebt der Zivlisator sich selbst nun als Wilder.

Die Musik ist auf Seiten Joannas. Mit ihrer Ankunft spielt Film-Komponist Amfiteatrof sogleich auf der Klaviatur des klassischen Repertoires. Der Schüler Respighis wechselt (vor dem ersten Auftritt Leiningens) vom komödiantisch Mussorgsky-haften, das die durchs Bild schleichende Dienerschaft untermalt, ins Freudig-Sentimentale. Das ändert sich mit der ersten Begegnung von Mann und Frau. Das Klavier wird zum Ort des Selbstmissverständnisses Leiningens. Er verfehlt die Chance, sich selbst zivlisieren zu lassen, in seiner Insistenz auf der Zurichtung der Frau zur gänzlich passiven und gehorsamen Gespielin. Ihre Widerworte verlieren sich bald, es bleiben nur die Widertöne ihres traurigen Klavierspiels. Die konsequent verweigerte Annäherung produziert nichts als Missverständnisse. Das Huhn war ausgezeichnet. - Es war Eidechse. Zugleich aber ist es auch die Weigerung Leiningens, mit der Projektion Joannas zur Deckung zu kommen, die diese aus der Ferne mitgebracht hat. Er legt seinen ganzen Trotz darein, anders zu sein als das Bild, das sie sich von ihm machen will, widerständig zu bleiben gegen den von ihr mit viel Vorschuss akzeptierten Mann, der er in Wahrheit doch ist. Das Selbstbild des Eroberers steht von einer auf die andere Sekunde in Frage: der Widerstand ist nichts als pubertäres Syndrom des unschuldigen Jungen angesichts der erfahrenen Frau. Denn das ist es, worüber er nicht hinwegkommt: Sie kennen andere Männer. Lächerlich gemacht ist, gerade durch die Unbefangenheit und Großzügigkeit der selbstbewussten Frau, das Bild vom Mann als Helden, der sich gegen alle Verunsicherung zu panzern weiss. Hilflosigkeit wird Trotz, Begehren wird Gewalttätigkeit. Alles Musische noch, der Selbstversuch in Kultivierung durch Lektüre empfindsamer Literatur wird hartnäckig geleugnet. Er muss die Frau loswerden, als die so unverhofft manifest gewordenen Zweifel am Selbstbewusstsein des kolonisierenden Eroberers. Die Sekundärzivilisierung, die im Zeichen der Liebe stehen sollte, droht so ganz und gar zu scheitern.

Da hilft nun nichts als die vollständige Zerstörung des Eroberten, die zur Aufgabe des Selbstbildes führt. Erst auf dem Grunde der nackten Existenz findet sich ein wahrer Adam wieder, der fähig ist zur Liebe. Die alles niederfressenden Marabunta-Ameisen sind das (durch den weiteren allegorischen Bezug auf die Kolonial-Geschichte stark affektbeladene) drastische Bild der Vernichtung der Zivlisation, an deren Ende aber, paradox, die Reinigung vom Heroischen ins Menschliche erst erfolgen kann. Der einzig mögliche Sieg gegen das Heer der Marabunta bleibt ein gänzlich passiver: das nackte Überleben. Nichts vom in langen Jahren so hartnäckig dem Dschungel Abgerungenen wird erhalten bleiben. Der stahlharte Held kämpft sich durch den amorphen Schlamm und entsteigt ihm nicht schlackenlos, sondern von oben bis unten verdreckt und beschmiert. Und doch: es ist nicht der nackte Dschungel, der am Ende stehen wird. Zur Erlösung des gedemütigten Mannes steht die Frau schon bereit, die ihm die ebenbürtige Gefährtin sein soll. Es ist die großartige Eleanor Parker, die diesem Ende eine gewisse Glaubwürdigkeit bewahrt.

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Ben Maddow

Ben MaddowDrehbuch-Co-Autor Ben Maddow(1909-1992) bleibt in den Credits hinter dem Namen von Philipp Yordan verborgen. Dessen Autorschaft ist bei mehreren Filmen umstritten - am bekanntesten darunter das Drehbuch zu Johnny Guitar (Regie Nicholas Ray). Wegen Arbeitsüberlastung ließ Yordan andere Autoren unter seinem Namen arbeiten, darunter, wie bei The Naked Jungle, auch der Kurzgeschichtenautor und Lyriker Ben Maddow, der als Drehbuchautor für Asphalt-Dschungel (Regie John Huston) und  die Faulkner-Verfilmung Intruder in the Dust (Regie Clarence Brown) noch selbst verantwortlich zeichnete. Er hatte  als Mitarbeiter des linken Filmkollektivs The Frontier seinen ersten Kontakt mit dem Film, geriet in den 50er Jahren auf McCarthys Blacklist und konnte nicht mehr unter seinem eigenen Namen arbeiten. Gegen Ende der 50er Jahre hat er sich durch die Nennung verschiedener Namen freigekauft. Ben Maddow hat selbst Regie geführt und seit den 60er Jahren mehrfach mit Joseph Strick (Ulysses) zusammengearbeitet.

Aus einem Interview

Diese Zeit der Arbeitslosigkeit, dann als Sozialarbeiter zu Zeiten des New Deal - das muss Ihr soziales Bewusstsein beeinflusst haben

Keine Frage. Man kann sich das gar nicht vorstellen, wenn man es nicht selbst erlebt hat, was das bedeutet, zwei Jahre keine Arbeit zu haben, dieser riesige Abgrund leerer Zeit, der einem das Gefühl gibt, das eigene Leben zu verschwenden. Man verbringt eine Unmenge Zeit damit einfach herumzulaufen, um nur irgendwas zu tun, 15c-Filme anzuschauen, drei Stück hintereinander, und so weiter. Schreckliche Zeitverschwendung. Man wird bitterer und bitterer - keine Frage.

Waren Sie, schon zu dieser Zeit, vom Kino begeistert?

Ganz und gar, natürlich. Während der zwei oder drei Jahre, während deren ich arbeitslos war, muss ich hunderte von Filmen gesehen haben - Hollywood-Filme, aber auch russische Filme, französische Filme und so weiter. Was jeder Intellektuelle sich so angesehen haben würde. Besonders liebte ich die Filme fon Alexander Dowshenko, die im Grunde, wenn man sie sich genau ansieht, poetische Filme sind. Konstruiert wie ein Gedicht. Zum Kino kam ich, gewissermaßen, durch die Lyrik, denn als ich noch als Sozialarbeiter unterwegs war, sah ich in einer New Yorker Zeitung eine Anzeige, in der ein Lyriker gesuchte wurde, um einen Kommentar für einen Kurzfilm zu schreiben - ein 20-Minuten-Film im wesentlichen über Gepäck in einem Hafen (Harbor Scenes, 1935).

(...)

Haben Sie den Autor und Produzenten Philip Yordan vor der Blacklist kennengelernt?

Nein, ich hatte ihn nie zuvor gesehen. Einer der großen Charaktere der Weltgeschichte. (...) ich muss irgendwas zwischen sechs und zehn Drehbücher für Yordan gemacht haben - genau weiß ich's nicht mehr.(...)

Wie stark war Philip Yordan an diesen Büchern beteiligt?

Philip Yordan hat in seinem Leben nicht mehr als einen Satz geschrieben. Er ist völlig unfähig zu schreiben.

Das ist ein Witz.

Natürlich nicht. Sehen Sie, ich habe mehrere Jahre eng mit ihm zu tun gehabt. Er hat immer andere Leute schreiben lassen, vom Beginn seiner Karriere an.(...)

Waren Sie dankbar für die Arbeit (bei Yordan)?

Sie hat mir das Leben gerettet. Aber sie hat auch schreckliche psychologische Komplexe ausgelöst. Ich war wirklich einem Zusammenbruch nahe. Ich habe damals eine Analyse begonne. Damals habe ich das nicht gewusst, habe diese Verbindung nicht hergestellt, obwohl sie doch offensichtlich war, aber im Grunde war es eine Selbstaufgabe. Denn da waren zum einen deine eigenen Ideen, die dir näher sind als du glaubst - man denkt nicht, dass sie ein Teil von einem sind, aber genau das sind sie. Da war also ein Teil deiner Persönlichkeit, und die Verbindung zu deinem Namen war getilgt - da oben auf der Leinwand.(...)

Hat die Arbeit in Hollywood von Ihrer eigentlichen Berufung abgebracht?

Nein. Ich habe nur Filme gemacht, weil ich, erstens, am Kino sehr, sehr stark interessiert war, und, zweitens, weil ich so genug Geld verdienen konnte, um Zeit für meine eigene Arbeit abzweigen konnte.

aus dem Interview in: Patrick McGilligan (ed.): backstory 2. Interviews with screenwriters of the 1940s and 1950s. Berkeley and Los Angeles, London: University of California Press 1997, p. 157-192 (übersetzt von E. Knörer)

Regie: Byron Haskin

Drehbuchvorlage: Erzählung 'Leiningen versus the Ants' von Carl Stephenson
vollständige Geschichte

Drehbuch: Ranald Mac Dougall
Ben Maddow als Philip Yordan

Produzent
: George Pal

Filmmusik: Daniele Amfitheatrof

Kamera: Erneszt Laszlo

Schnitt: Everett Douglas

Art Direction: Franz Bachelin, Hal Pererira

Kostüme:   Edith Head

Darsteller:

Charlton Heston.... Christopher Leiningen

Eleanor Parker .... Joanna Leiningen

Abraham Sofaer.... Incacha

William Conrad.... Commissioner

Romo Vincent.... Boat Captain

Douglas Fowley.... Medicine Man

John Dierkes.... Gruber

Leonard Strong.... Kutina

Norma Calderon.... Zala

Charlton Heston ist 1924 in Evanston (Illinois) geboren, stdierte an der School of Speech der Northwestern University in Evanston. 1944-47 bei der US Air Forche. Radiosprecher in New York, Regisseur und Schauspieler am Thomas Wolfe Memorial Theatre in Ashville (North Carolina). Broadway-Debüt 1947. 1948 zum Fernsehen (Serie Studio One). 1950 Filmdebüt in Cecil B. DeMilles The Greatest Show on Earth. Historische Monumentalfilme, am bekanntesten die Titelrolle in William Wylers Ben Hur. Weitere Rollen: Detektiv Vargas in Orson Welles' Touch of Evil, Astronaut in Franklin J. Schaffners Planet of the Apes; viele Katastrophenfilme der 70er; daneben Theaterrollen. Filmfunktionär, bekannt als Anhänger der republikanischen Partei, Vorsitzender der National Rifle Organization