Filmbuch: Frederic Raphael: Eyes Wide Open

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Frederic Raphael

REZENSION

Frederic Raphael: Eyes Wide Open


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Frederic Raphael ist eine Ausnahmeerscheinung unter den Drehbuchautoren. Literarisch, humanistisch, philosophisch gebildet, Autor von Romanen ebenso wie einer Monografie über den Philosophen Karl Popper - mit großen Kenntnissen der Filmgeschichte und genug Leidensmut zudem, sich immer wieder als Drehbuchautor in Hollywood zu verdingen. Stanley Kubrick, gelehrter Autodidakt und längst Mythos der Filmhistorie, muss in ihm eine Mischung aus Geistesverwandtem und Berater in Bildungsfragen gesehen haben, als er sich mit einiger Ernsthaftigkeit entschloss, nach mehr als zwanzig Jahren des Vorüberlegens eine Verfilmung von Schnitzlers 'Traumnovelle' zu seinem nächsten Projekt zu machen.

Raphael, wie Kubrick ein in den USA gebürtiger Jude (er selbst insistiert auf dieser Identität), der seit Jahrzehnten in England lebt, war nicht der Mann, von dem bedingungslose Bewunderung und Unterwerfung zu erwarten waren. 'Eyes Wide Open', Raphaels nach Kubricks Tod verfasster Rechenschaftsbericht über die Zusammenarbeit, ist denn auch Dokument einer überwältigenden Ambivalenz. Diese verdankt sich der allgemeinen Situation zwischen Drehbuchautor und Regisseur und mehr noch der besonderen im Falle Kubrick. Immer sind die Drehbuchautoren nur Zulieferer eines Materials, das der beliebigen Weiterverarbeitung zugeführt wird. Autorschaft ist beim Schreiben für den Film um mindestens das letzte Wort über das Geschriebene gekappt. Über das Handwerkliche gehende Ambition ist nicht angebracht, von vielfältigen Frustrationen bedroht. Gemildert wird das Ganze im System Hollywood durch weitgehende Arbeitsteilung, die auch den Regisseur nicht ausnimmt und in ein rivalistisches Verhältnis zum Produzenten setzt. Ein Autor, der nicht Autor seiner Drehbücher ist, wie eben Kubrick, ist ein besonderer Fall. Die Lage ist für den Drehbuchautor ist dadurch verschärft, dass der Regisseur als Künstler, ja als Autor oder auteur anerkannt ist, zu Lasten der Marginalisierung der Bedeutung des Drehbuchs. Autorschaft für Kubrick ist nicht nur Handwerk, sondern im Schatten des zu erwartenden Meisterwerks ignoriertes Handwerk

Raphael, dessen Selbstgefühl wie Ambition spürbar beträchtlich sind, schildert sein Dasein als Kubricks Drehbuchautor im großzügigen Rückgriff auf Leidensmodelle aus der allgemeinen Geistesgeschichte. Sisyphos und Uzzah sind ihm als Identifikationsfiguren ebenso nah wie die Herr/Knecht-Dialektik, deren Wahrheit im Fortgang des Berichtens immer weiter entfaltet wird - bis zum kurzen Moment karnevalistischer Umkehrung in der Gegenlektüre von Kubricks eigener Überarbeitung von Raphaels Drehbuch.Sich selbst, wie öfter, das Drehbuch als Stilmittel nutzend,  als F.R. in die vermeintliche Distanz der dritten Person begebend, schreibt er über Kubricks Version: "Der Text ist unergiebig und ohne literarische Anmut. In seienr Schlichtheit ist er beinahe linkisch. Gelegentlich wird er peinlich."

Mit der Leidenslust des Knechts gelingen Raphael Interpretationen von Kubricks Verhalten und psychischen Motiven, die ihrer subtilen Bösartigkeit und bösartigen Subtilität zum Trotz voller kluger Einsichten sind. Auf Anthony Burgess ebenso wie auf Kubrick gemünzt ist folgende, wohl zutreffende, Gemeinheit: Indem er dieselbe Sache nie ein zweites Mal macht, dabei aber auch nie eine neue Stufe schöpferischer Leistung erreicht, stellt er eine Art einförmiger Vielseitigkeit zur Schau." Und dennoch vermeidet Raphael jede Denunziation. Seine Bewunderung für Kubricks Werk bleibt bestehen, er schmälert nicht sein Genie, macht es verständlich als eines der Passivität.:"Immer wusste er, was er nicht wollte; niemals, was doch." Kubricks Filme erscheinen so als Kombination von technischer Perfektion und reiner Intuition. Das unbewegte Auge des Bilder komponierenden Fotografen bedient sich des durch einen gänzlich unanalytischen Filter nicht explizierbarer Entscheidungen gegangenen Materials.

Das Schachspiel ist die zentrale Metapher Raphaels für die Zusammenarbeit mit Kubrick. Er spielt gegen einen übermächtigen Gegner, dessen Züge er nie antizipieren, dessen Überlegungen er nie begründen kann und der mit unfehlbarer Sicherheit das Spiel gewinnen wird. Zuletzt ist Raphaels alles andere als bewunderndes Buch doch wieder Arbeit am Mythos Kubrick als dem sich Entziehenden, dem Geheimnisvollen. Und sei es, wie Raphael scharfsichtig bemerkt, sein größtes Geheimnis, dass er gar keines hatte. 

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