Filmfest Lünen 2003

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 Filmfest Lünen
2003

 

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Ein Ort für Entdeckungen

Das etwas andere Filmfestival: Im Provinzstädtchen Lünen gehen Stars Jahr für Jahr auf Tuchfühlung mit ihrem Publikum.

Von Christoph Elles

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Heimatfilm!

Der Ort heißt Fallen, und das passt. In ihrem kleinen westfälischen Nest scheinen die Protagonisten von "Heimatfilm!" stetig abwärts zu driften. Wobei das eine Frage der Perspektive ist. Simon (Max Richter) trinkt eben gerne, seine Tendenz zur Selbstzerstörung steigt mit dem Alkoholpegel. In Fallen trinkt jeder, sonst hält man es gar nicht aus. Simons Schwester Britta (Fritzi Haberlandt) ist seit sieben Jahren mit dem Dorfpolizisten Bernd (Hannes Jaenicke) zusammen, jetzt will er für sich, sie und die zu erwartenden Kinder ein Haus bauen. Eine gesicherte Existenz, ein ruhiges Leben, aber Britta sieht sich trotzdem fallen, immer tiefer ins Gefängnis des Kaff-Daseins. Der schüchterne Krankenpfleger Knut (Lars Gärtner) hat ein Auge auf Britta geworfen, aber auch ihm gefällt es in Fallen. Während Knut das zugibt, ist er betrunken. Der Regisseur von "Heimatfilm!", Daniel Krauss, ist selbst ein Dorfkind und er sagt, er wolle auch die schönen Seiten des Landlebens zeigen. Krauss wohnt dennoch inzwischen in Berlin. Seine Hauptfigur Britta steht am Ende am Bahnhof, um dem Fallen zu entkommen.

Dirty Sky:

Okay, "Dirty Sky" ist wahrscheinlich das erste Road-Movie, in dem das Auto des flüchtenden Outlaw-Pärchens fliegen kann. Nicht in den Abgrund, wie bei "Thelma und Louise", sondern hoch über die Wolken, wo die 17-jährige Jenny (Cosma Shiva Hagen) und der zwei Jahre ältere Paule (Nicolai Nanhoi Kinski) ihre Liebe endlich ungestört leben können. Aus dem Knast sind die beiden ausgebrochen, indem sie die Wachhabenden mit aggressiven Wespen bombardiert haben. Auch sonst passiert viel Seltsames in "Dirty Sky": Frank Giering sitzt plötzlich singend im Auto und steigt irgendwann wieder aus. Menschen tragen Blumenkränze auf dem Kopf und fahren Boot. Dumm nur, dass man davon nicht verzaubert, sondern nur peinlich berührt sein kann. Der krasse Realismus des Films, der sich vor allem im dokumentarischen Look niederschlägt, und die märchenhaften Plotwendungen, die stets auf der Grenze zur plumpen Parodistik balancieren, arbeiten gegeneinander. Trotz fliegender Autos führt das bei "Dirty Sky" zum Totalabsturz.

Fremder Freund:

Die Bilder vom einstürzenden World Trade Center haben durch hundertfache Wiederholung ihre unmittelbare Wirkung verloren und sind zur Abstraktion eines Schocks geworden, zur Erinnerung, zum Symbol einer religiös-politischen Teilung der Welt. Elmar Fischers Film "Fremder Freund", der mit Nachrichtenbildern vom 11. September 2001 beginnt, holt das Ereignis in den konkreten deutschen Alltag zurück. Was wäre, wenn ein uns nahestehender Mensch in die Anschläge verwickelt wäre? Chris (Antonio Wannek) muss sich dieser Frage stellen, denn kurz vor dem 11. September verschwindet sein jemenitischer Freund Yunes (Navid Akhavan) spurlos. In Rückblenden erzählen Fischer und sein Co-Autor, der Filmkritiker Tobias Kniebe, die Geschichte der Freundschaft, eine von jener seltenen Sorte, in der Umarmungen nicht seltsam sind und Gespräche über Mädchen nicht peinlich. Zugliech blickt Fischer auf die kulturellen, religiösen und persönlichen Unterschiede zwischen Chris und Yunes, die Verdachtsmomente für das Undenkbare liefern. Chris mag nicht glauben, dass Yunes etwas mit den Anschlägen zu tun hat, wir Zuschauer bleiben im Unklaren. Die Anschläge von New York erscheinen bei "Fremder Freund" ganz nah. Nicht weil sie die innere Sicherheit des Staates gefährden, es geht um die innere Sicherheit der Menschen.

Tor zum Himmel:

Am Frankfurter Flughafen, erzählt der Regisseur Veit Helmer, arbeiten 60.000 Menschen. Eine ganze Stadt, viel Platz für Kinogeschichten. Die meisten Filme, die an einem Flughafen Halt machen, bleiben oben in der glänzenden Schalterhalle oder heben sich gleich über die Wolken. Dort beginnt auch Helmers Film, doch schnell senkt er sich herab bis ganz nach unten. In den Schächten und Gängen des Frankfurt Airports hausen illegale Einwanderer, die als Schwarzarbeiter durch die Katakomben huschen, dort schrauben, scheuern und schleppen. Nach oben gelangen sie nur durch ihre Träume, so begegnen sich in einer leerstehenden Boeing die indische Putzfrau Nisha (Masumi Makhija), die so gern Stewardess werden möchte, und Alexej (Valera Nikolaev), der russische Flüchtling, der auf dem Pilotensitz den Flugkapitän mimt. Sie verlieben sich und tanzen, diesen märchenhaft-absurden Zug legt der Film nie ganz ab. Andererseits will er auch gesellschaftskritisch sein und die Situation der Flüchtlinge in Deutschland anprangern. Beides geht nicht, aber ein wohliges Vergnügen verbreitet Helmers multikulturelles Treiben allemal.

Besser als Schule:

Die Konstellation "Teeniefilm plus Soap-Stars" verheißt nichts Gutes, doch Spielfilm-Debütant Simon X. Rost hat mit "Besser als Schule" einen soliden Zielgruppen-Film hinbekommen. Dass es um Liebe und Liebe-wechsle-dich geht und der große Showdown beim Abschlussball stattfinden muss, ist klar. Beachtlich erscheint allerdings, dass Rosts Film schüchtern, aber immerhin, in die Hand beißt, die ihn und seine Hauptdarsteller füttert: Er hinterfragt Starrummel, Medienhörigkeit und die schöne, heile "Bravo"-Welt, der viele Teenager so bereitwillig anhängen. Im Film gerät das Alltags- und Liebesleben einer ganzen Schulklasse aus dem Tritt, als das Sänger-Idol Marc (Thorsten Feller) auf Anraten seines Managers das Abitur nachmachen und sich in ein ganz normales Mädchen verlieben soll. Die Wahl fällt auf Dana (Melanie Wichterich), in die sich eigentlich Steven (Eric Benz) unsterblich verknallt hat. Er und sein Freund Gonzo (Gabriel Andrade) müssen sich eine Menge Tricks einfallen lassen, um Dana aus dem Zauber des Popstars zu befreien. Dabei fließen Tränen der Wut und Enttäuschung, und die wirken echter, als man vermuten möchte.

Eierdiebe:

Der Titel ist ziemlich wörtlich zu nehmen: In "Eierdiebe" geht es um Hodenklau. Bis die krebskranken Helden des Films soweit sind, ihr diebisches Projekt in Angriff zu nehmen, passiert so viel Tragisches und Absurdes, dass der Einbruch in der Pathologie und das Entwenden der Klöten wie eine logische Handlung erscheint. Mit normalen Maßstäben lässt sich das Leben und Überleben in der Chemotherapie-Abteilung eines Krankenhauses nicht messen. Martin (Wotan Wilke Möhring), jung, erfolgreich und Sohn reicher Eltern, wird mit Hodenkrebs eingeliefert. Bald fallen ihm die Haare aus, die Haut wird weiß, Martin und seine Zimmernachbarn Nickel (Janek Rieke) und Harry (Antoine Monot jr.) bewegen sich als blasse Kahlköpfe wie in einem grotesken Maskenball des Todes durch die Krankenhausflure. Sie spielen Karten, schauen Horrorfilme und bemühen sich, angesichts der eigenen Hilflosigkeit und der unverbindlichen Ignoranz der Ärzte nicht verrückt zu werden. Martin lernt Susanne (Julia Hummer) kennen, die auf der Frauenstation liegt. Die beiden wandeln durch das graue Krankenhaus und hinaus in den Park, die Polizei hält sie für Junkies. Furchtbar bis zur Unerträglichkeit ist dieses Leben, das Regisseur Robert Schwentke ("Tattoo") von seiner eigenen Krebserkrankung kennt. Im Film grinsen er und seine großartigen Schauspieler dem Tod ins Gesicht und entdecken das Absurde in der Tragik: Tumor ist, wenn man trotzdem lacht. Aus einer Wette heraus entsteht der Plan, Martins amputierten Hoden zurückzuholen. Als Susanne stirbt, wird aus der fixen Idee eine Unabdingbarkeit. Die Kahlköpfe ziehen los, die Musik gemahnt im Hintergrund an Gangsterfilme, Knastdramen und Western. Eierdiebe sind Cowboys des Herzens.

Schussangst:

Die Filme des Georgiers Dito Tsintsadze sind realistisch bis zur Hässlichkeit und zugleich eigentümlich magisch. Der Regisseur, dessen poetisch-brutales Gangster-Märchen "Lost Killers" vor drei Jahren in den deutschen Kinos lief, sieht sich als "Grenzgänger zwischen georgischer Metaphorik und deutscher Präzision". Präzise ist auch bei seinem neuen Film "Schussangst" der Blick auf menschliche Einsamkeit. Der Zivildienstleistende Lukas (Florian Hinrichs) lebt allein in einer fremden Stadt und liefert Mahlzeiten an alte Menschen, die im Alleinsein erstarrt sind und doch vor Wärme glühen, wenn sich plötzlich jemand für sie interessiert. Die Zartheit und Zärtlichkeit, mit der Tsintsadze seine Charaktere betrachtet, ist, wie schon bei "Lost Killers", die große Leistung des Regisseurs. Nur eine Figur bleibt ihm und uns rätselhaft: die schöne Isabella (Lavinia Wilson), die plötzlich in Lukas' Leben tritt, in seinem Bett schläft, in seiner Badewanne liegt und doch unnahbar bleibt. Isabella ist ein Enigma, das auch der Autor der autobiografisch angehauchten Romanvorlage und Co-Autor des Drehbuchs, Dirk Kurbjuweit, nicht entschlüsseln kann. Isabella ist alles für Lukas und nichts, sie lockt und verstößt, verschwindet nach Belieben. Lukas schleicht ihr nach und entdeckt, dass ihr Stiefvater Isabella zum Sex zwingt. Immer mehr steigert der junge Mann sich in die Idee hinein, das Mädchen aus ihrer Lage erlösen zu müssen. Mit einem Scharfschützen-Gewehr will er den Stiefvater umbringen. Lukas' Weg in den Wahnsinn pflastert Tsintsadze mit Seltsamkeiten: Das Gewehr wird dem Jungen ohne sein Zutun angeboten, ein Polizist taucht auf und zeigt ihm die beste Schussposition. Der Film, in seiner Grundstimmung bedrückend und düster, hellt sich durch die merkwürdige Komik mancher Situationen immer wieder auf. Das Ende ist wie ein Schuss mitten ins Herz, danach ist Stille.

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