Jump Cut Kritik

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Time of the Season (Dänemark 2005)

Von Ulrike Mattern 

Das Dogma-Gespann Thomas Vinterberg (Regie) und Lars von Trier (Drehbuch) meldet sich mit einem fulminanten Film zurück: "Dear Wendy" startet heute im Kino.

Wenn eine Geschichte über eine Gruppe junger Pazifisten mit einer Vorliebe für Handfeuerwaffen im Kugelhagel endet, muss etwas aus dem Ruder gelaufen sein. Dick ist ein Bücherwurm, ein Außenseiter im Bergarbeiternest mit Namen Estherslope im Westen der USA. Der Junge soll, wie sein Vater früher, unter Tage arbeiten, zieht es aber stattdessen vor, im örtlichen Gemischtwarenladen Regale aus- und einzuräumen. Eines Tages entdeckt Dick im Schaufenster eines Geschäfts eine Handfeuerwaffe, die er fortan unter dem hellbraunen Ladenkittel trägt. Wendy, so tauft er den zierlichen Revolver mit Perlmuttgriff, verleiht ihm Selbstvertrauen und verändert sein Leben.

Dick gewinnt Freunde. Er schart eine Bande um sich, seine private Posse: vier heimatlose Typen und ein cleveres Mädchen, die er mit der Passion für Schießeisen ansteckt. In ihrem selbst geschaffenen Refugium im unterirdischen Teil des halb verfallenen Zechengeländes machen die sechs Mitglieder des neuen Dandy-Clubs Schießübungen. Bei Kerzenlicht vermählen sie sich mit ihren Waffen. Sie kreieren ihren eigenen unverwechselbaren Look: exaltierte Phantasiekostüme, inspiriert von Piraten und Cowboys, mit davon abweichenden Accessoires wie pelzbesetzten Russenmützen. Sie unterrichten sich gegenseitig in der exakten Wissenschaft von den tödlich treffenden Kugeln.

"Wir waren Loser. Mit den Waffen sind wir keine mehr", so beschreibt Dick die Wirkung des Bundes auf den Einzelnen. Alle begreifen sich als Pazifisten. Ihre "Partner", die Waffen, sollen den "Tempel" unter Tage nie verlassen. Ihr verwegen romantisiertes Spiel gerät außer Kontrolle, als sie den geschützten Rückzug verlassen und auf einen Gewaltausbruch in der realen Welt über Tage durch die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel antworten können.

Ähnlich ironisch verspielt und mit einem Hang zum Pathos trat ein realer dänischer "Geheimbund" 1995 ins Licht der Öffentlichkeit: Regisseur Thomas Vinterberg legte mit seinem Kollegen Lars von Trier das berühmt gewordene "Keuschheitsgelübde" ab. Das war der Beginn einer international erfolgreichen Filmbewegung, die unter dem späteren Label "Dogma 95" z.B. durch Dreharbeiten an Originalschauplätzen, ohne Requisiten und künstliches Licht dem "Kino der Illusion" mit Authentizität entgegen treten wollte. Vinterbergs erster, nach den Geboten des künstlerischen Manifests gedrehter Spielfilm "Das Fest" (1997) wurde u.a. in Cannes mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. Für seinen Ausflug nach Hollywood, der sich mit dem hochkarätig besetzten Science-fiction-Thriller "It's all about love" (2003) als Antithese zum einst vertretenen Purismus interpretieren ließ, konnte sich weder die Kritik noch das Publikum begeistern.

Während Claire Danes, Joaquin Phoenix und Sean Penn noch in unseren Kinos durch diese futuristische Vision einer Welt am Abgrund taumelten, suchte Locationscout Rüdiger Jordan im Auftrag der deutschen Produktionsfirma Heimatfilm im Ruhrgebiet bereits nach geeigneten Orten für die nächste Produktion von Vinterberg. Unterstützt von der Filmstiftung NRW begann der zweite Teil der Dreharbeiten zu "Dear Wendy" im Herbst 2003 auf Haus Aden in Bergkamen und im Trainingsbergwerk "Fürst Leopold" in Dorsten. Die stillgelegten Zechen im östlichen Ruhrgebiet, die in der filmischen Groteske über die Folgen des Waffenbesitzes Minen in West Virginia darstellen sollen, erinnern Rüdiger Jordan an einen "verschlafenen Dinosaurier", der während des einige Wochen dauernden Drehs zum Leben erweckt wurde. Film ist Illusion: Alle Szenen, die aussehen, als wären sie unter Tage gedreht worden, sind in der Realität über Tage entstanden.

Zurück zu den Jungen und dem Mädchen, denen der Gebrauch der Handfeuerwaffe zum Verhängnis wird. Neben Jamie Bell ("Billy Elliot") in der Hauptrolle überzeugt ein perfekt eingespieltes Team, das im grandios choreographierten Finale, orchestriert von Songs der "Zombies", untergeht. Wenn eine Geschichte über jugendliche Pazifisten keine Altersfreigabe für ein Kinopublikum unter 18 bekommt, hat jemand die Botschaft im Kugelhagel überhört: Die Moral von der Geschicht, spiel mit der Waffe nicht!

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