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Verhandlungssache. Regie F. Gary Gray.


Verhandlungsgeschick ist eine Kombination von Psychologie und Rhetorik; die richtigen Worte im richtigen Moment und jedes Wort wird zum Sprechakt, der das Schlimmste verhindert. Es gilt, die Regeln der Extremsituation selbst zu bestimmen, das Heft des Handelns dem Geiselnehmer aus der Hand zu winden mit nichts als dem tönernen Fundament des Vertrauens, das man durch Sprache raffiniert, gewaltsam, skrupellos herstellen kann. Jede Lüge ist erlaubt.

Die Exposition von Verhandlungssache stellt Danny Roman bei der Arbeit als Negotiator vor, sein Geschick ebenso wie den ständigen Gegenspieler, die Drohung mit nackter, tödlicher Waffengewalt, vor der die Waffen des Wortes dann schweigen müssen. Der Coup des Films ist es, Danny Roman die Seiten wechseln zu lassen. Durch die Intrigen von Polizeikollegen wird er selbst in eine Extremsituation getrieben, in der er in erpresserischer Absicht Menschenleben bedroht. Der Dreh, den die Verhandlungssituation dadurch bekommt, ist natürlich Reflexion. Der zweite Negotiator, der herbeigerufen wird, spielt das Spiel nun mit dem Experten auf einer reflexiven Ebene, auf der die Regeln bekannt und durchschaut sind, ironische Anmerkungen möglich, überraschende und originelle Wendungen vonnöten. Dass Roman zum letzten Mittel der Geiselnahme greift, um die Wahrheit herauszupressen, ist eine zwar unglaubwürdige, aber durchaus  noch einmal interessante Pointe, denn das erfordert gleich ein doppeltes Spiel über die Bande. Nichts nämlich ist weniger von Interesse in der Verhandlungssituation als die Wahrheit. Sie ist nichts als der Bluff, der gelingt, die Lüge, die geglaubt wird. Also muss Roman seine Verhandlungsgegner so rearrangieren und manipulieren, dass, gegen ihren Willen, die Wahrheit wie von selbst offenbar wird.

Als raffiniert gebautes Wort-Schach-Spiel könnte Verhandlungssache ein grandioser Film sein, hätte es werden müssen, wäre es seinen Machern nicht gelungen, so ziemlich alles falsch zu machen, was man nur falsch machen kann. Zwei Dinge wären wesentlich wichtig gewesen: raffinierte Dialoge und subtile Psychologie. Nichts davon in diesem Film. Beides ist hier von plumper Eindeutigkeit. Alle Beteiligten scheinen dümmer als die Polizei erlaubt, ohne dass man den Eindruck bekommt, dies sei beabsichtigt. Schon Danny Roman hätte viel mehr als Spielernatur denn als der durch und durch aufrechte und skrupulöse Polizist entworfen werden müssen, damit er überzeugt hätte. Samuel Jackson in einer seiner schwächsten Rollen scheitert denn auch grimassierend und chargierend an dieser Figur. Dass Roman eine Geisel tötet, glaubt man als Zuschauer keine Sekunde, seine Gegner, mit allen Wassern der Psychologie gewaschen, fallen aber darauf herein. Diese Dummheit hat leider Methode.

Einzig überzeugend, und zwar über das Drehbuch hinweg, ist Kevin Spacey, der seiner ebenfalls unglaubwürdig und uninteressant angelegten Figur mit Pokerface und Ungerührtheit über die Untiefen der Geschichte hinweghilft. Er kann diesen Film nicht retten, zumal Regisseur und Komponist dem Drehbuch an Dusseligkeit in nichts nachstehen. Als hätte F. Gary Gray gemerkt, dass das Drehbuch zum psychologischen Kammerspiel zu hanebüchen ist, hat er, sichtlich unmotiviert, wann immer es sich anbot zur inszenatorischen Gewalttätigkeit gegriffen und Actionfilmsequenzen eingestreut, unterstützt noch von einem brachial agierenden Hans-Zimmer-Klon als Komponist (Graeme Revell). Offenbar hat er sich, oberflächlicher Ähnlichkeiten wegen, an Stirb Langsam erinnert gefühlt und zitiert ihn dann halt mal. Das setzt dem ziemlich eklatanten Mangel an Sinn und Verstand endgültig die Krone auf. Klassisches Beispiel, wie man eine gute Idee in Grund und Boden produzieren kann.

(seit dem 12.10.99)