Filmkritik Isaac-Pierre Racine / Augustin Vilaronga / Lydia Zimmermann: Aro Tolbukhin (Mexiko 2002)

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Isaac-Pierre Racine / Augustin Vilaronga / Lydia Zimmermann: Aro Tolbukhin (Mexiko 2002)
Kritik v
on Stefan Höltgen

[Image]

» ... to entertain you.«

Über die Jahrzehnte seines Bestehens ist der Serienmörderfilm bemüht, seine Erzählung plausibel zu gestalten. Die verschiedensten Motive und Ästhetiken haben sich in das Genrebewusstsein der Zuschauer eingeschrieben, die den jeweiligen Film als "authentisch" ausweisen - selbst wenn diese genau das Gegenteil - man könnte sagen "Medialität" - anzeigen. Ein Spiel zwischen Zuschauer, Film und Produktion ist dabei entstanden, dass mit Erwartungen operiert und diese erfüllt oder enttäuscht, ganz im Sinne authentisierender Wirkung. Vor allem mit dem Dokumentarischen ist der Serienmörderfilm eine Verbindung eingegangen, da die Sujets beider Genres/Gattungen einem Konzept von Wirklichkeit verpflichtet sind, die sich angeblich filmisch abbilden lässt.

"Aro Tolbukhin" steht in der noch sehr jungen Tradition hyperrealistischer Serienmörderfilme. Er ist komplett wie ein Dokumentarfilm über seinen gleichnamigen ungarischen Serienmörder gestaltet. Dieser hat in einer Missionsstation in Guatemala sieben Menschen bei lebendigem Leib verbrannt. Er wird vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Eine Journalistin sucht ihn im Gefängnis auf und interviewt ihn über seine Taten und seine Motive. Dazu wird dokumentarisches Material aus der Mission in Guatemala montiert, wo Aro gelebt und gearbeitet hat und eine besondere Beziehung zu der dort lebenden Missionarinnen-Schwester Carmen unterhalten hat. Auch diese wird, Jahre nachdem sie aus dem Missionsdienst ausgeschieden ist, interviewt und soll den Charakter und die Taten Aros verständlich machen.

Schon nach wenigen Sekunden fällt auf, dass mit den dokumentarischen Bildern, die "Aro Tolbukhin" präsentiert, irgendetwas nicht stimmt: Viel zu schnelle, dramatisierende Fahrten, Soundtrack-Schnipsel und "unmögliche" Kamerapositionen leugnen, dass es sich um nicht-inszenierte Bilder handelt. Auf der Oberfläche versucht der Film diesen Anschein jedoch aufrecht zu erhalten. Es wechseln Schwarz-Weiß-, mit unscharfen und grobkörnigen Bildern, es gibt Perspektiven, die scheinbar versteckt hinter irgendwelchen Mauern Menschen beobachten und Schrifteinblendungen, die Darstellungszeit und -ort belegen sollen.

"Aro Tolbukhin" legt mit dieser Simulation von Authentizität Fallstricke für den Zuschauer aus. Alles hat den Anschein einer Dokumentation über den Serienmörder. Nach und nach komplettiert der Film die Motive der Tat aus der Schatzkiste filmischer Plausibilitätsbildung. Das, was er nicht zu ermitteln imstande ist, wird kurzer Hand wie ein "Kurzfilm über Aros Kindheit" in sauberen Schwarz-Weiß-Bildern (die "Vergangenes" und "Artifizialität" gleichermaßen suggerieren - und damit alles verständlich ist, wird in Ungarn kurzerhand Spanisch gesprochen) eingebaut. Aros Kindheit und Jugend, über die die Journalistin nur von einer ehemaligen Haushälterin und nur in Fragmenten Kenntnis hat, wird durch diesen Kurzfilm "sinnvoll" rekonstruiert: Wir sehen, dass Aros Mutter früh gestorben ist, dass Aros Vater dies den Kindern verschwiegen hat, indem er behauptete, die Mutter läge über Jahre hinweg krank in einem Nebenzimmer, dass Aro eine quasi-inzestuöse Beziehung zu seiner Zwillingsschwester Selma hatte ... und dass diese Schwester schwanger ein Opfer der Flammen wurde.

Alles passt also prima zusammen in "Aro Tolbukhin": Der Mörder soll über Jahre hinweg vor allem Schwangere Frauen überfallen und lebendig verbrannt haben (die Kamera von "Aro Tolbukhin" ist übrigens dabei gewesen!). Das Täterprofil ermittelt eine schwierige Kindheit, die Beziehung zwischen Aro und Schwester Carmen stellt sich als komplett neurotisch heraus: Aro hält diese für seine verstorbene Schwester Selma. Als die Beziehung eine für eine Missionsschwester heikle Qualität gewinnt, verlässt Carmen die Station und Aro und löst durch diesen "Verlust" die Katastrophe aus.

"Aro Tolbukhin" destruiert die Sehgewohnheiten des Serienmörderfilm-Zuschauers, indem er dessen Erwartungen an das Genre erfüllt, gleichzeitig aber so auffällig "lügt", dass man weiß, dass man es mit einem Fake zu tun hat. Nur der Grund, aus dem "gefaket" wird, bleibt unklar. Alles, was sich über die Jahrzehnte hinweg an Ästhetiken zur Authentisierung im Serienmörder-Genre etabliert hat, denunziert der Film als "Gemachtes". Das mediale Bild über die Taten und den Täter, suggeriert der Film, ist immer schon präformiert, mit "falscher" Bedeutung aufgeladen, auf ein narratives Ziel hin montiert und versucht eine Plausibilität zu generieren, die die außerfilmische Wirklichkeit nie bereit hält.

Das Leben ist eben kein Film - der Film ist lediglich ein rationalisiertes und rationalisierendes Abbild des Lebens. Als der inhaftierte Aro kurz vor Schluss des Films den Bericht über seine Jugend in Ungarn beendet (und der Schwarz-Weiß-Film, den wir als diesen Bericht gesehen haben, damit ebenfalls zu Ende ist), fragt ihn die verwunderte Journalistin: "Warum haben Sie mir das alles erzählt?" Der Zusammenhang zwischen den Taten Aros und seinem Erinnerungsbericht scheint ihr noch nicht gegeben. Die narrativen Kohärenzen sind noch nicht geknüpft. Umso aufrichtiger und bezeichnender ist dann auch Aros Antwort auf die Frage: "Um Sie zu unterhalten."

Aro Tolbukhin

Spanien/Mexiko 2002

Regie: Isaac-Pierre Racine / Augustin Vilaronga / Lydia Zimmermann

Länge: 114 Minuten

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