Jump Cut Theaterfilme
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Magazin für Film & Kritik

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Theaterfilme 10: Quand la mer monte (Yolande Moreau, Gilles Porte, F 2004)
 
Von Stefanie Diekmann
  
 

 
QUAND LA MER MONTE bekommt den Preis für das hässlichste Filmplakat der letzten zehn Jahre und ist dabei gar kein hässlicher – oder uninteressanter – Film.

Als Theaterfilm stellt er eine Ausnahme dar, ganz einfach, weil sich in diesem Genre kaum jemand für die Sparte "Kleinkunst" interessiert, die Bühnenauftritte in QUAND LA MER MONTE aber ohne jeden Zweifel in dieser Sparte angesiedelt sind, und auch sonst relativ viel Zeit darauf verwendet wird, einen Berufsalltag zwischen Kulturzentren, Jahrmarktzelten, dem Festsaal eines Altenheims und einem "Festival des Lachens" irgendwo in der Provinz zu porträtieren. Irène (Yolande Moreau) ist Komödiantin, fahrende Künstlerin mit Kombi und zwei Koffern, auf Tour durch ein Nordfrankreich der Ausfallstraßen, Hochspannungsleitungen und nachsaisonalen Seebäder, eine seltsam schüchterne Alleinunterhalterin mit einer bitterbösen Bühnenshow, der irgendwo zwischen den Städten Bethune und Saints Gardiers die Liebe passiert wie eine Autopanne.

Irènes Bühnenshow trägt den Titel "Sale Affaire", ihre Bühnenfigur ist geradewegs dem Grand Guignol entstiegen: ein proletarisches Hausfrauenmonster mit Fleischerhänden und Henkeltasche, auf der Suche nach der endgültigen Amour Fou, die sie immer wieder von Neuem beginnt und stets nach kurzer Zeit auf blutige Weise beendet. Das Monster sucht einen Mann, das ist hier die Bühnenstory, und im Rahmen der Bühnenshow wird dieser Partner auf Zeit Abend für Abend aus dem Publikum rekrutiert: klassisches Mitmachtheater mit ein paar sadistischen Zügen, ganz und gar darauf aufgebaut, dass es an jedem Abend einen anderen trifft.

Wie andere Theaterfilme auch, befasst sich QUAND LA MER MONTE mit der Spannung zwischen Wiederholung und Abweichung, indes besteht die Wiederholung hier gerade im fortgesetzten Austausch der Bühnenpartner, während die Abweichung genau dort beginnt, wo auf der Bühne mit einem Mal die Wiedeholung einsetzt. Eines Abends, im Kulturzentrum von Bethune, steht neben dem Monster auf der Bühne derselbe Typ, der bereits vor zwei Tagen dort stand und auch am Abend darauf in die Vorstellung gekommen war; irgendwo dazwischen hat die Liebesgeschichte begonnen, die kaum länger als ein paar Tage dauern wird, und deren Regellosigkeit nirgends deutlicher Ausdruck findet als in der regelwidrigen Wiederwahl des Bühnenpartners.

Am Ende, als klar ist, dass es 'so nicht weiter gehen' gehen kann, wird auch dies im Rahmen einer Theatervorstellung kommuniziert werden, genauer: kommuniziert und markiert mit der Rückkehr zur bewährten Matrix des Partnerwechsels. Ein neues Gesicht auf der Bühne, im Zuschauerraum der Liebhaber mit dem enttäuschten Gesicht. Man spricht nicht viel in diesem Film, aber man versteht die Gesetze des Theaters für die Zwecke der Liebe zu manipulieren.

 


 

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