12/23/2004

Berlinale 2005: Erste Wettbewerbsfilme und der Jurypräsident stehen fest

Rechtzeitig zu Weihnachten ein kleines Geschenk vom Potsdamer Platz: Die Berlinale gibt erste Wettbewerbsfilme und den Jury-Präsidenten bekannt. Im folgenden die Pressemitteilung mit Kommentaren:

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<br />ImageShack.usDer deutsche Hollywood-Regisseur Roland Emmerich wird Präsident der Internationalen Jury der Berlinale 2005. Emmerichs internationale Karriere begann mit dem Film Das Arche Noah Prinzip, der 1984 auf der Berlinale lief und weltweite Aufmerksamkeit erregte. Hollywood entdeckte das Talent und es folgten der Oscar-gekrönte Independence Day, Godzilla und The Patriot. 2004 lieferte Emmerich mit The Day After Tomorrow einen aktuellen Beitrag zur Diskussion der Klima-Katastrophe (Jump Cut | filmtagebuch).

Die ersten Filme für den Berlinale-Wettbewerb stehen fest. Mit dem Eröffnungsfilm Man to Man von Régis Wargnier (siehe hier) sind bereits elf Filme, darunter acht Weltpremieren, im Wettbewerb der 55. Internationalen Filmfestspiele Berlin.

Deutschland (Schwerpunkt | German Film Review)
In Gespenster, einer deutsch-französischen Ko-Produktion, erzählt Regisseur Christian Petzold (Regisseurlexikon | Jump Cut) die Geschichte der Französin Françoise, deren Tochter als Kleinkind in Berlin entführt wurde. Nach jahrelanger Ungewissheit glaubt sie die Tocher in der Streunerin Nina (Julia Hummer) endlich wieder gefunden zu haben.
Kommentar: Petzold im Wettbewerb - das wurde Zeit! Schon sein eindringlicher Wolfsburg (Kritik) war im Panorama sträflich deplaziert. Ein erster Tipp von meiner Seite aus - große Vorfreude.

Marc Rothemunds Sophie Scholl – Die letzten Tage schildert die letzten sechs Tage im Leben der 1943 in Nazi-Deutschland hingerichteten Mitbegründerin der Widerstandsgruppe „Die Weiße Rose“. Julia Jentsch (Die fetten Jahre sind vorbei) spielt die junge Studentin, die ihren Überzeugungen auch dann nicht abschwört, als ihr der Tod droht.

In Hannes Stöhrs (Berlin is in German, DVD-Info) episodischer Komödie One Day in Europe werden vor dem Hintergrund eines Champions-League-Finales Touristen in Moskau, Istanbul, Santiago de Compostela und Berlin in Diebstähle verwickelt. Die Emotionen kochen an allen Orten. In der deutsch-spanischen Ko-Produktion spielen u.a. Erdal Yildiz, Florian Lukas, Miguel Lira und Boris Arquier.

Frankreich
Zu den französischen Wettbewerbsbeiträgen gehören Le promeneur du Champ de Mars von Robert Guédiguian und Les temps qui changent von André Téchiné (Les Égarés, Kritik).

Basierend auf der gleichnamigen Biografie von Georges-Marc Benamou erzählt der Regisseur in Le Promeneur du Champ de Mars von den letzten Tagen François Mitterrands, in denen er seinem Vertrauten, einem jungen Journalisten, intimste Geheimnisse und persönliche Erinnerungen offenbart. Michel Bouquet (Toto, der Held) verkörpert den ehemaligen französischen Staatspräsidenten.

In Téchinés Film spielen Catherine Deneuve (Jump Cut) und Gérard Depardieu ein Liebespaar, das sich nach dreißigjähriger Trennung in Tanger wieder begegnet. Ihre Gefühle füreinander sind längst noch nicht aufgearbeitet.

USA
Der amerikanische Regisseur Wes Anderson (Jump Cut), zuletzt mit der Familiengroteske The Royal Tenenbaums (Kritik) im Berlinale-Wettbewerb zu Gast, präsentiert mit The Life Aquatic eine irrwitzige Unterwasser-Komödie über eine exzentrische Familie auf der Jagd nach einem mörderischen Hai. Bill Murray, Willem Dafoe, Anjelica Huston und Owen Wilson spielen die Hauptrollen.
Kommentar: Ganz offensichtlich eine Starvehikelplatzierung im Wettbewerb. Mir soll das recht sein: Ich mochte Royal Tenenbaums, trotz der Bedenken unseres Kritikers, sehr (Rushmore hingegen blieb mir verschlossen) und die Aussicht, Bill Murray eventuell in einer Pressekonferenz erleben zu können, ist nicht die Schlechteste. Von meiner Seite aus Empfehlung Nummer 2!

Einen Blick in die selbstzerstörerischen Abgründe einer obsessiven ‚amour fou’ im prüden Großbritannien der 50er Jahre eröffnet Regisseur David Mackenzie in Asylum (USA/Irland): Natasha Richardson spielt die Frau eines Psychiaters, die eine leidenschaftliche Affäre mit einem Patienten ihres Mannes beginnt. In weiteren Rollen sind Sir Ian McKellen (Herr der Ringe) und Hugh Bonneville (Iris) zu sehen.
Kommentar: Liest sich auf den ersten Blick an wie einer jener obligatorischen "Problemfilme", die im Wettbewerb 2004 arg überrepräsentiert waren.

Afrika
Mark Dornford-May siedelt seine Filmadaption der Bizet-Oper U-Carmen e-Khayelitsha (Carmen in Khayelitsha) in den südafrikanischen Townships an und inszeniert sie vollständig in der Landessprache Xhosa. Die Titelrolle in diesem Regiedebüt aus Südafrika spielt die auf internationalen Opernbühnen gefeierte Pauline Malefane, die selbst aus Khayelitsha stammt.

Einen weiteren Blick auf Afrika wirft die britisch-südafrikanisch-italienische Ko-Produktion Hotel Rwanda, die als europäische Premiere außer Konkurrenz im Wettbewerb läuft. Regisseur Terry George erzählt die wahre Geschichte des Hotelmanagers Paul Rusesabagina (Don Cheadle, nominiert für den Golden Globe), der während des Bürgerkriegs über tausend Tutsi-Flüchtlingen Unterschlupf vor der Hutu-Miliz gewährte.

Asien (Schwerpunkt)
Gu Changwei, einer der bekanntesten und erfolgreichsten Kameramänner des chinesischen Films (Lebewohl, meine Konkubine), präsentiert bei der Berlinale sein Regiedebüt mit der Weltpremiere Peacock. Er schildert den Alltag einer Familie in einer kleinen Stadt in der Provinz Henan. Die Handlung beginnt nach dem Ende der Kulturrevolution in den siebziger Jahren und endet 1984.
Kommentar: Empfehlung Nummer 3 bislang, ausgehend allein von dem Konkubinenfilm, den ich sehr gut fand.

12/22/2004

Filmkunsthaus Babylon im Januar

Den existenzbedrohenden Kürzungsplänen des Berliner Senats (siehe hier) stemmt sich das sympathische Filmkunsthaus Babylon mit der gesammelten Kraft eines hochinteressanten Monatsprogramms für den Januar 2005 entgegen. Ein wenig scheint es, als wolle man damit die tragende Rolle für die Kinokultur Berlins nochmals dick unterstreichen. Uns kann das nur recht sein, auch wenn man im Januar in arge Bedrängnis kommen wird (weil nicht alleine das Babylon mit verlockenden Vorführungen von sich reden macht, sondern auch, weil es leider Gottes auch nicht gerade zu den erschwinglichsten Spielstätten der Stadt zählt...).

So widmet man sich im ersten Monat des Jahres gleich vier Regisseuren mit Retrospektiven und Auswahlreihen:

Dem Brandenburger Filmemacher Volker Koepps widmet sich eine komplette Werkschau: In mehreren Filmbeiträgen kann hier vornehmlich die ostdeutsche Sozialrealität erkundet werden. Koepps selbst ist am 23. und 25. zu Gast.

Etwas ausführlicher wird Werner Herzogs Arbeit behandelt, dessen Spielfilmwerk recht gut von den Anfängen an erschlossen wird. Sein letzter Film, Rad der Zeit, eine Dokumentation über den Dalai Lama und buddhistische Rituale, wird ebenfalls gezeigt.

Eine kleine Auswahl an exemplarischen Filmen Robert Aldrichs bietet einen kursorischen Überblick über dessen facettenreiches Schaffen.

Passend zum Kinostart von Wong Kar-Wais lang herbeigesehntem Meisterwerk 2046 (Kritik folgt in Bälde, bzw. ist bereits in der aktuellen Ausgabe der Splatting Image zu lesen) im Januar erweckt das Filmkunsthaus mit einer Auswahl das Werk des Hongkong-Chinesen erneut auf der Leinwand zum Leben. Dass man sich dabei auf die im Westen eigentlich hinreichend bekannten Filme konzentriert und sich von den weniger erschlossenen Filmen Wong Kar-Wais nur sein Debüt, As Tears Go By, findet, ist dabei zwar etwas schade - gerne hätte man auch mal Days of Being Wild oder Ashes of Time auf der Leinwand gesehen -, aber wir wollen auch nicht meckern und freuen uns auf Wiederbegegnungen mit Fallen Angels, In the Mood for Love, Chungking Express und Happy Together, während wir zudem händeringend damit zu tun haben, uns an 2046 satt zu sehen.


(click für groß, weitere schöne Bilder hier)

Weitere Filmreihen siehe im kommentierten Programm des Babylons, das hier als Word-Datei heruntergeladen werden kann.