Gruteser/Klein/Rauscher: Subversion zur Prime-Time

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Daten zum Buch

Michael Gruteser/Thomas Klein/Andreas Rauscher(Hrsg.): Subversion zur Prime-Time. Die Simpsons und die Mythen der Gesellschaft.

[Image]
 
Schüren-Verlag, Marburg 2002.
224 Seiten, 14,80 EUR.
ISBN 3-89472-336-X

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Postmoderne für alle!
„Die Simpsons“ als Cultural Studies-Objekt

Von Torsten Gellner

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Das Drehbuch zur zweiten Auflage des Buchs „Subversion zur Primetime“, der ersten kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Serienphänomen „Die Simpsons“, könnte vom Schöpfer Matt Groening persönlich stammen. Just nachdem der Schüren-Verlag das Buch in erster Auflage publiziert hatte, sah er sich mit einer Strafandrohung des Rechteinhabers „20th Century Fox“ wegen angeblicher Verletzung des Urheberrechts konfrontiert. Sofort hat der Kenner der Serie den arroganten, bebrillten Anwalt der „Simpsons“ vor Augen, der als Deus ex Machina stets zur Stelle ist, wenn ein Charakter der Serie eine Urheberrechtsverletzung begeht. Dann wird etwa Grandpa Simpson, der gerade seinen zweiten Frühling erlebt und Chaplins berühmten Brötchentanz aus „Goldrausch“ ganz rührselig aufführt stante pede mit einer einstweiligen Verfügung des Anwalts in seine dürftigen Schranken verwiesen. Stein des Anstoßes im Fall Schüren waren vor allem die dem Buch notwendigerweise beigefügten Bildzitate, die, schwarz-weiß und als Videostills nicht eben von höchster Qualität, eindeutig als Zitate erkennbar und damit eigentlich urheberrechtlich legitimiert waren. Offensichtlich hatte man aber bei „Fox“ Angst davor, dass jemand in der Annahme, ein offizielles und damit qualitativ in jeder Hinsicht befriedigendes Merchandising-Produkt zu erstehen, irrtümlich zum Schüren-Buch greifen könnte und sich aus Missgefallen über die kleinen, gar nicht bunten Photos nie mehr an der breiten Produktpalette des Hauses „Fox“ verlustieren werde. Ausgerechnet die Serie, die immer wieder medienkritisch Marketingmechanismen reflektiert und selbst aus unendlich vielen Zitaten besteht, wird Auslöser eines absurden Copyright-Streits. Die zweite Auflage durfte jetzt doch erscheinen, etwas Cover-Kosmetik und genaue Zitatangaben zu jedem Photo scheinen eine Verwechslungsgefahr nun auszuschließen.

Das Buch von Michael Gruteser, Thomas Klein und Andreas Rauscher versteht sich als Cultural Studies-Reader und ist daher recht offen konzipiert. Das enorme „Simpsons-Sellout“ findet ebenso Berücksichtigung wie „temporäre Brüche in den Geschlechtsbildern“ und der Versuch einer topographischen Rekonstruktion der Cartoon-Stadt Springfield. Die, um es vorweg zu nehmen, rundum gelungene Analyse der Serie inklusive ihrer außermedialen Effekte wird getragen von einer eindrucksvollen Detailkenntnis und der spürbaren Begeisterung der Autoren für ihren nunmehr knapp 300 Folgen umfassenden Gegenstand. Was alle Kapitel wie ein roter Faden durchzieht ist die Behandlung des Phänomens der Intertextualität, das in der Strategie der Serie die wohl bedeutendste Rolle spielt.

Andreas Rauscher hält die Serie so auch für eine „ins Unendliche ausufernde Enzyklopädie des postmodernen Alltags“, die beständig popkulturelles Wissen sammelt und vermittelt. Das gilt auch für die mittlerweile zu einem „Who is Who“ angewachsene Liste der Gastauftritte prominenter und ehemals prominenter Zeitgenossen, die ihrem gelben Comic-Äquivalent bereitwillig ihre Stimme geliehen haben: Stephen Hawkings, Kim Basinger, Paul McCartney, Mel Gibson, John Waters et al. Der Gastauftritt dient als selbstironischer Verweis auf Image und Rollenbiographie des Stars oder weitet sich aus zum Diskurs über die vom Star auf der „fiktionalen Ebene eines Films und die im medialen Alltag übernommenen Rollen, sowie die damit assoziierten Phänomene“. Selbst Michael Jackson versuchte über einen Auftritt bei den „Simpsons“ sein verdächtig gewordenes Neurotiker-Image zu postmodernisieren: Homer Simpson lässt verlautbaren, er habe in einer Irrenanstalt den leibhaftigen „King of Pop“ getroffen, der nun für einige Tage bei den Simpsons logieren werde. Die daraufhin vor dem Haus der Simpsons wartenden Massen werden allerdings wie die Zuschauer, die in Trailern auf den prominenten Auftritt scharf gemacht wurden, bitter enttäuscht. Der angebliche Superstar entpuppt sich als der übergewichtige weiße Maurer Leon Kompowsky, der seine notorischen Wutausbrüche durch das imitieren der typischen Jackson-Spreche unter Kontrolle gebracht hat. Im Lauf der Folge zeigt sich jedoch, „dass Kompowsky nicht nur über erstaunliche Detailkenntnisse aus der Karriere des ‚Thriller-Stars‘ verfügt, sondern sehr wahrscheinlich doch die unbekannte Person hinter Michael Jackson ist“. Tatsächlich wurde Kompowsky von Jackson synchronisiert, auch wenn er im Abspann der Serie unter dem Pseudonym John Jay Smith aufgeführt wurde. Die Autoren haben einfach die unzähligen und grotesken Mythen, die sich um den Superstar ranken, wörtlich genommen und schließlich durch „Überaffirmation“ dekonstruiert. Manchmal funktioniert ein solcher Cameo aber auch einfach nur als surrealer Gag am Rande.

In seinem so brillanten wie knappen Essay weist Diedrich Diederichsen auf das gelungene Konzept „postmoderner Aufklärung“ hin, dass Matt Groening mit seiner Serie verfolgt. Ein unendlicher Anspielungskosmos kann erkundet werden und so erzeugt auch noch die Lektüre der Wiederholung der Wiederholung einen „aufklärerische[n] Gewinn“. „Die enormen Wissensmassen, die hier durchprozessiert werden, lassen die Sendung jedoch nicht elitär werden. Die ‚Simpsons‘ werden von Kindern, die weder Jim Messina noch Jaques Derrida noch Richard Nixon kennen, noch den ‚Omega Man‘, ‚The Shining‘ oder ‚Brother From Another Planet‘ gesehen haben, durchaus bis ins Detail verstanden und auswendig gekonnt.“

Die Referenzen der „Simpsons“ beziehen sich gerne auch auf das eigene Genre des Zeichentricks. Einmal erklärt Lisa ihrem Bruder Bart, dass Cartoons nicht unbedingt realistisch sein müssen, während man im Bildhintergrund für ganz kurze Zeit Homer Simpson sehen kann, der am Wohnzimmerfenster vorbei spaziert obwohl er zur gleichen Zeit auch auf der Couch im Bildvordergrund sitzt. Oder: Lisa ärgert sich darüber, dass mal wieder eine Folge der ultrabrutalen und konsequenten „Tom und Jerry“-Paraphrase „Itchy und Scratchy“ aus altem Episodenmaterial zusammen geschnitten wurde. Enttäuscht schaltet sie den Fernseher ab und gesellt sich zum Rest der Familie, worauf man sich im trauten Kreis amouröse Anekdoten erzählt, welche sich dem Zuschauer freilich in Form von Ausschnitten alter „Simpsons“-Folgen präsentieren. Diese intertextuellen und selbstreferentiellen Verweise finden sich oft im kleinen, übersehbaren Bilddetail wieder, erstrecken sich jedoch auch auf die Tonebene, etwa in Form von Anklängen klassischer Genre-Soundtracks. That’s Metateinment!

Die Serie ist, da sind sich alle Beiträger des Buches einig und die These dürfte nur schwer zu widerlegen sein, die intelligenteste US-amerikanische Fernsehproduktion der letzten Jahre, vielleicht sogar aller Zeiten. Mit den „Simpsons“ wird die programmatische Forderung der Postmoderne nach dem Schließen der Gräben zwischen Massen- und Hochkultur auf ebenso elegante wie amüsante Weise eingelöst. „Statt mit viel Schweiß einen eklektizistischen Elfenbeinturm in Heimarbeit zu basteln, leistet das Autorenkollektiv der ‚Simpsons‘ massenwirksame Übersetzungsarbeit in Sachen Popkultur.“ Von diesem ewigen „laterale[n] Apropos“, das Alltagswissen, Mythos und jegliche Art von Diskurs miteinander verknüpft profitiert auch das unbedingt lesenswerte Buch von Gruteser, Klein und Rauscher.

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