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Magazin für Film & Kritik

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Theaterfilme 6: In the Bleak Midwinter (Kenneth Branagh, GB 1995)
 
Von Stefanie Diekmann
  
 

 
Nachdem er Shakespeares Komödie "Twelfth Night" (1988), Shakespeares "Henry V" (1989) und Shakespeares "Much Ado About Nothing" (1993) verfilmt hatte und bevor er sich der Verfilmung von Shakespeares "Hamlet" (1996) und Shakespeares "Love Labour's Lost" (2003) zuwandte, drehte Kenneth Branagh den Film "In the Bleak Midwinter", der davon handelt, wie sich sich eine Gruppe Schau-spieler um die Weihnachtszeit zusammenfindet, um ein Drama von - na? - auf die Bühne zu bringen.

Doing Shakespeare: Für den Filmregisseur Branagh ist das Routine geworden, eine Art Berufsbe-zeichnung außerdem. Branagh, ehemaliges Mitglied der Royal Shakespeare Company, ist seit dem Erfolg von "Henry V" für Shakespearefilme zuständig wie andere für Tischlerarbeiten oder Belüftungs-anlagen. Die Besetzungen unter anderer Regie eingerechnet (Jago in Oliver Parkers "Othello" von 1996, Richard III in einer neueren Hörspielfassung), hat er inzwischen knapp ein Dutzend Stücke durch und arbeitet seit eineinhalb Jahrzehnten daran, im Genre der Dramenadaption einen mal als "spielfreudig", mal als "kraftvoll" bezeichneten Darstellungsstil zu promoten. Nirgendwo hat sein Theaterkonservatismus - diese spezifische Mischung aus Lautstärke, sportlicher Mimik, einem gut ausgebildeten Sinn für die Hierarchie zwischen Haupt- und Nebenrollen und einer fast kindlichen Freude an möglichst aufwendiger Dekoration - deutlicher Ausdruck gefunden als in "Hamlet" (1996), einem weiteren Ich-will-ihn-selbst-spielen-Projekt. Und so ist fast das erste, was an "Bleak Midwinter" auffällt, die Tatsache, daß er in diesem Fall auf die Hauptrolle verzichtet, obwohl es um dasselbe Stück geht wie in dem ein Jahr später entstandenen Ausstattungsfilm.

Verzicht auf die Rolle: o.k., Verzicht auf Hamlet keinesfalls und auch nicht darauf, den Protagonisten Joe (Michael Maloney) zugleich als Regisseur und Hauptdarsteller agieren zu lassen und seiner Truppe jenen Stil nahezulegen, der die Verfilmungen von "Twelfth Night" bis "Love Labour's Lost" geprägt hat. Shakespeare macht man so, jedenfalls bei Branagh, weshalb auf der improvisierten Bühne viel gestampft, gebrüllt und geflüstert wird. Zwischen den Proben setzt sich das Flüstern und Schreien fort, denn die sechs Personen (plus Stage Designer, plus Stage Hand), mit denen sich der Regisseur umgeben hat, suchen allesamt nichts geringeres als den Sinn des Lebens. Entsprechend zahlreich die existentiellen Bekenntnisse und intensiven Gespräche; existentiell auch die Ängste, von denen die Truppe heimgesucht wird, sowie die Auseinandersetzungen, die dem glücklichen Ende vorausgehen.

Warum - noch - leben? Warum - noch - Theater spielen? Für die Schauspieler in "Bleak Midwinter" sind diese Fragen aufs engste verbunden, was auch bedeutet, daß das eine nur vermittels des anderen geklärt werden kann und wiedergewonnener Glaube an das Theater gleichbedeutend ist mit wiedergewonnenem Glauben an die Welt. (Branagh, noch nie ein Freund von Subtilitäten, siedelt den Großteil der Handlung in der alten KIRCHE des kleinen Ortes HOPE an, wo das Spiel um ZWEIFEL und ERLÖSUNG am WEIHNACHTSABEND zum Abschluß kommt.) Auf die durchaus legitime, immer interessante Frage, wer zu welcher Zeit und unter welchen Bedingungen noch Verwendung für das Theater haben könnte, gibt der Film die entwaffnende Antwort: Die Theater-macher brauchen es. Ihnen ist das Theater Heimstatt und Schauplatz der Selbstfindung, und wo Gefahr besteht, daß niemand mehr ihre Vorstellungen besucht (eine ganze Weile lang scheint der Film darauf zuzusteuern), lassen sie das Stück eben auf eigene Kosten laufen, weil ihnen die Proben so gut tun und sich alle inzwischen so gern haben.

Auf verquere Weise hat diese Idee ihren Charme. Und man könnte den Film beinahe dafür mögen. Was daran hindert, sind nicht so sehr die 1001 Klischees über Theaterschauspieler, -arbeit und -proben, die hier versammelt werden, sondern die Brutalität, mit der hier der Entschluß umgesetzt wird, ein echtes feelgood movie zu produzieren. Angelegt als Rückkehr zum Wesentlichen, als Hommage und Liebhaberprojekt zwischen zwei Filmen mit großem Budget, verwandelt sich "In the Bleak Midwinter" unter der Hand in ein kleines Monster der Vorabenddramaturgie: Hamlet als Heuler für diejenigen, von denen Branagh annimmt, daß sie schon lange nicht mehr ins Theater gehen.

 


 

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