Filmfest München 2004

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Filmfest München 2004
Von Ulrike Mattern

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Ich sing dir ein Lied

Auf dem diesjährigen Filmfest in München (26. Juni bis 3. Juli) liefen viele Tonspuren parallel. Unter den 197 Filmen aus 35 Ländern befanden sich etliche Dokus über Sänger und Musikgruppen sowie einige überraschende Gesangseinlagen in Spielfilmen.

Es begann organisch, sowohl hinsichtlich der Zutaten in der Küche als auch in Bezug auf die Bildkomposition: In den ersten Sequenzen des Eröffnungsfilms Das Mädchen mit dem Perlenohrring (Start: 23.9.) von Peter Webber schneidet Scarlett Johansson als Magd Griet sorgfältig Gemüse - Zwiebeln, Kohl, Rote Bete - und stellt es zu einem Stilleben in einer Schüssel zusammen. Danach hat die junge Frau selten Gelegenheit zum freien Arrangement. Für ein Auftragsporträt des niederländischen Malers Jan Vermeer - in dessen Haus sie als Magd arbeitet - rückt sie heimlich einen störenden Stuhl aus dem Bild. Auf seine Nachfrage begründet sie ihre Korrektur damit, dass die abgebildete Dame durch diesen eingesperrt ausgesehen habe. Der Meister nimmt die Anregung auf, tilgt den Stuhl aus dem Porträt. Eine Liebesgeschichte, unerfüllt, zwischen einem berühmten, verheirateten Künstler (Colin Firth mit ultralangem, ungekämmtem Haar und wildem Blick) und einer Unschuld aus verarmtem Hause (die Scarlett Johansson mit geschürzten Lippen und weit aufgerissenen Augen oder gesenktem Kopf gibt). Die Story ist ein Hirngespinst, Phantasie eines männlichen Autors, der vielleicht einmal vor dem Porträt der Schönen auf dem Gemälde von Vermeer stand. An der Finanzierung ist der Filmfond Luxemburg beteiligt, der auch den in einer Sondervorführung gezeigten Film Der neunte Der neunte TagTag (Start: 2.9.) von Volker Schlöndorff unterstützte. In den Wettbewerb nach Cannes hatte es der Regisseur damit nicht geschafft. In München verlieh man Schlöndorff den "Bernhard Wicki Filmpreis ,Die Brücke' - Der Friedenspreis des deutschen Films". Mit ihm wurde Produzent Jürgen Haase geehrt, der "sieben Jahre um die Realisierung dieses Projekts kämpfen musste", ist in der Pressemitteilung zu lesen. Ulrich Matthes spielt einen katholischen Priester im KZ Dachau, der neun Tage "Auszeit" vom Schrecken bekommt. Diese Absurdität ist ein Versuch der Gestapo - August Diehl in der Rolle des maßgeblich beteiligten Offiziers -, den Geistlichen aus Luxemburg während seines KZ-Urlaubs auf ihre Seite zu ziehen und durch ihn die schriftliche Zustimmung des Bischofs, respektive der katholischen Kirche des Landes, für ihre Politik zu erlangen. Ein Ablasshandel, bei dem der Abbé im klassischen Konflikt zwischen Gewissen und persönlichem Vorteil steht. Zu keiner Minute nimmt man an, dass er nicht ins KZ zu den anderen inhaftierten Priestern zurückgeht. Der Bernhard-Wicki-Preis definiert sich als Würdigung von "künstlerische(n) Arbeiten, die Brücken schlagen, wo andere Gräben aufreißen. Er soll wegweisend für junge Künstler sein, sich mehr an Filmen, die sich durch Inhalte und filmische Kraft auszeichnen, zu orientieren, als an Effekten und Marketing" (Pressemitteilung). Gut gemeint. An diesem pädagogischen Zeigefinger krankt der Film von Schlöndorff. Er ist zweifelsfrei gelungen besetzt, berührt aber trotz drastischer Bilder - abgefrorene Zehen, geschwollene Füße, eingeschlagene Köpfe, Menschen am Kreuz - wenig. In der im schwarzweißen Raster angelegten Gegenüberstellung des diabolischen Offiziers und des schwachen, aber aufrechten Priesters gibt es keinerlei Nuance ins Grau, die Mitgefühl spenden könnte.

Spinnt man das Bild von parallelen Tonspuren, die sich über das Festival an der Isar legten, weiter, fällt einem spontan der neue Geschäftsführer ein, der in einem Interview mit der Filmzeitschrift epd die Zusammenstellung des Programms als "etwas entfernt Missionarisches" bezeichnete, "so wie man früher als Teenager seine Lieblingsmusik für Freundinnen und Freunde auf Kassetten zusammengemixt hat". Nach 21 Jahren hat Eberhard Hauff im letzten Jahr - wohl nicht ganz freiwillig - das Zepter an den ehemaligen Leiter der Filmabteilung des Goethe-Instituts übergeben. So ausdauernd wie die alte Garde internationaler Festivalleiter haften wohl sonst nur Mitglieder des Politbüros an ihrem Stuhl. Unter dem neuen Geschäftsführer Andreas Ströhl sollte ein frischer Wind an der Isar wehen. Daraus wurde in diesem ersten Jahr immerhin eine Brise: Die Sektion "Deutsche Fernsehfilme" entrümpelte, das junge asiatische Kino stärkte man mit eigenem Programm. Die erst vor zwei Jahren etablierte Reihe "Video Art & Experimental Film" entfiel. Filme mit diesem Zuschnitt sollten im Programm aufgehen. In diesem Jahr war davon wenig zu entdecken. In der Außendarstellung veränderte sich ebenfalls einiges: So verzichtete man auf ein Motto und den Filmkuss, der seit 1994 die Plakate zierte. Leider gab das Festival zu Gunsten der Logistik und der Schaffung einer so genannten Isar-Kinomeile einige schöne Spielstätten auf, quetschte die Zuschauer stattdessen z.B. in ein Kastenkino, in dem sowohl das Atmen als auch das Lesen der Untertitel zum Abenteuer wurde.

Über die Geschichte der Münchner Kinos von 1896 bis 1945 informierte wie zum Ausgleich für diese abendliche Pein die Ausstellung "Für ein Zehnerl ins Paradies" im Gasteig. Die "Kirchen der amüsanten Sensation" sahen früher wie Burgen oder Schlösser aus, in der Innenausstattung farblich in Hellrot oder -Blau gehalten, mit viel Silber und Gold verziert. Einer der ältesten "Lichtspielpaläste" in München - von 1907 - sind die früheren "Gabriel-Lichtspiele", heute "Neues Gabriel-Filmtheater". Auch das "Filmtheater am Sendlinger Tor", bis zum letzten Jahr eine Spielstätten des Festivals, gehörte zu den "architektonischen Schmuckkästen" des letzten Jahrhunderts. Nachdem die Kinos in den 30er Jahren zur Propagandaschmiede der Nazis wurden (1939: 78 Kinos), gab es nach 1945 durch Kriegsschäden und ökonomisch begründete Schließungen noch 16 Kinos in der Isarmetropole. Die von der Hochschule für Fernsehen und Film konzipierte Ausstellung ergänzt ein Buch*.

Zurück zu den Filmen: München zeigte im Internationalen Programm und bei den American Independents in deutscher Erstaufführung, was die internationale Festivalwelt in diesem und dem letzten Jahr zu bieten hatte, und das waren vor allem gut gemachte, spannende Dokumentar- und Spielfilme mit Realitätsbezug oder -Verlust. Ein Beispiel für den engagierten politischen Dokumentarfilm war Salvador Allende von Patricio Guzmán. Die Grenzen der klassischen Interviewsituation zum Dokudrama überschritten Filme wie The Fog of War oder Control Room. Die amerikanische Regierungspolitik fand auch in München keinen Fan-Club, und auf der Welle des erfolgreichen Demagogen Michael Moore schwimmen Dokus wie Super Size Me von Morgan Spurlock (Start: 15.7.) 30 Tage lang ernährte sich der Regisseur ausschließlich von Fastfood und dokumentiert die Folgen für Libido und Körpergefühl. Ein Plädoyer für den Konsum von Kaffee in Verbindung mit Zigaretten war der Spielfilm Coffee & Cigarettes von Indie-Star Jim Jarmusch. Wer danach aus dem Kino kam und sich keine anzünden wollte, war nie suchtgefährdet. In dem Beitrag von Adam Goldberg I love your work mit Franka Potente und Giovanni Ribisi als amerikanisches Künstlerehepaar fühlte man sich wie auf einer Achterbahnfahrt an den Wagenrand bzw. zwischen I Love Your Workden französischen Spielfilm "Meine Frau, die Schauspielerin" und den amerikanischen Film "Vanilla Sky" gepresst. Viele Filmstars - Christina Ricci, Elvis Costello, Vince Vaughn - und bekannte Gesichter aus Fernsehserien wie "Dawson's Creek" und "General Hospital" tauchen in den Alpträumen des von Ribisi gespielten Filmstars auf, der unter der Berühmtheit seiner Frau leidet und zudem meint, von Stalkern heimgesucht zu werden. Am Ende verlor ich ob der ständig wechselnden Erzählebenen leider den Faden. Aber dass Franka Potente in einem Duett singt, daran erinnere ich mich noch.

Die französische Filmreihe glänzte mit bekannten Namen - Godard, Rivette, Resnais -, leichten Freizeitfilmchen wie Les Sentiments, der den Seitensprung mit einem munteren Chor begleitete, oder harter Kost wie in Ma Mère mit Isabelle Huppert als ihren Sohn verführende Mama. Eine Überraschung waren zwei spanische Filme: In the City von Cesc Gay, der die Geschichten von acht Freunden verschränkt und in Melancholie enden lässt, als eine der verheirateten Frauen durch die Überraschungsparty zu ihrem Geburtstag von ihrem Coming-out und dem Verlassen von Partner und Sohn abgehalten wird. Gewalt in der Ehe und die Schwierigkeit, den gewalttätigen Partner zu verlassen, war Thema von Take my Eyes von Iciar Bollain.

Das "Herzstück" des Festivals, die Reihe Neue Deutsche Kinofilme (15), dieses Jahr zum ersten Mal zahlenmäßig den Deutschen Fernsehfilmen (13) überlegen, zeichnete sich durch treffsichere Titelwahl aus - wie für die Kassettenhülle mit der Lieblingsmusik von Andreas Ströhl geschaffen: von selbstreferentiell (Bin ich sexy?), über imperativ (Hab mich lieb, Such mich nicht), agitatorisch (Die fetten Jahre sind vorbei), partnerschaftlich (Frau fährt, Mann schläft, Meine Frau, meine Freunde und ich), poetisch (Sommersturm, In die Hand geschrieben, Farland) bis urban (Marseille). Nachdem der erste Versuch, sich in diesem Jahr wacker dem deutschen Film zu nähern, an der Technik gescheitert war - bei der Erstaufführung von Such mich nicht vertauschte man die Filmrollen, zeigte den dritten vor den zweiten Teil, der verzweifelte Regisseur brach die Vorstellung seines Debütfilms ab -, kam auf der persönlichen Präferenzliste nur noch "Marseille" von Angela Schanelec vor, deren Präsenz dieses Jahr in Cannes durch die Hysterie über den ersten deutschen Film seit Urzeiten im Wettbewerb ("Die fetten Jahre sind vorbei") unterging. Location, Drehort hat in ihren Filmen eigene Bedeutung, ist nicht Kulisse, kein Rahmen in der Ausstattung, in welchem die Personen agieren, sondern notwendige Form. Sophie geht nach Marseille, tauscht ihre Wohnung in Berlin mit einer Frau in Marseille. Angela Schanelec: MarseilleBerlin ist ritualisierter Alltag, Marseille urbanes Nomadentum. Ballastfrei. Grenzenlos. Sie lässt sich treiben. Geht spazieren. Fotografiert auf der Straße. (Leider hatte ich vorab das Presseheft gelesen, in dem der Plot in der allerersten Interviewfrage angesprochen wird. Ärgerlich. Nach zehn Minuten im Kino hatte ich ihn bereits vergessen.) Der Film braucht keinen Plot, kann ihn aber haben. Und er kommt jetzt. Das Ende, der Überfall, den man nicht sieht, von dem nur im Verhör durch den Polizisten erzählt wird, das Umkleiden auf der Wache, das zitronengelbe Kittel-Kleid ist eine Katharsis (bizarr: der männliche Täter zieht sich aus, zwingt sein weibliches Opfer, ihm nachzutun, die Kleider mit ihm zu tauschen. In der eigenen Phantasie: der Schock, die Angst, ihre Nacktheit auf der Straße, der fremde Geruch, Schweiß, der Stoff, das Material. Schutzlos, beschmutzt). Zum Schluss, am Meer, am Strand, in der untergehenden Sonne, im pinkfarbenen Licht, ist Sophie schemenhaft auszumachen, winzig. Da sieht man das Meer der Hafenstadt Marseille zum ersten Mal. Gibt es eigentlich immer ein Schwimmbad in den Filmen? Die Szene am Beckenrand, wieder in Berlin, erinnert an Rohmer. Die Nebenlinie mit den Fotoaufnahmen der Arbeiterinnen verwirrt. Wie weit ist man im Alltag fremd in seinem Körper, wird sich vertrauter, wenn man Teile der Uniform, die Haare, löst? Sophie ist allein. Ihre Freunde, das Paar, sind allein. Bei Jim Jarmusch bekommt man Lust zu rauchen. Bei Angela Schanelec, einsam zu sein. Hier stoppt die Kassette aus München. Das Lied ist vorbei.

*Monika Lerch-Stumpf (Hg.): Für ein Zehnerl ins Paradies - Münchner Kinogeschichte 1896 bis 1945. München/Hamburg, Dölling und Galitz Verlag, ca. 29,80 Euro

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