Theater Corner: Forced Entertainment: Bloody Mess  (Volksbühne  Berlin, Juni 2004)

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Forced Entertainment: Bloody Mess  (Volksbühne  Berlin, Juni 2004)

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Forced Entertainment: Bloody Mess  (Volksbühne  Berlin, Juni 2004)
Kritik von Ekkehard Knörer

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Zwei Clowns, elf Stühle, hin- und hergetragen, in einem Derwischkampf, der seine Komik aus der Nicht-Erkennbarkeit des Sinns des Ganzen bezieht. Dann, der Kampf ist, ohne Grund, vorbei, stehen zehn der Stühle in einer Reihe. Eiiner fliegt von der Bühne, das wird aber das einzige bleiben, das die Bühne verlässt, die immer weiter zugemüllt wird und für die Performer nur einen (selten und nur vom Gorilla genutzten) Ausweg bietet: in Richtung Publikum. Auf die Stühle setzen sich die Performer, nennen ihre richtigen Namen und stellen die Rollen vor, die sie spielen werden. Nur dass sie keine Rollen spielen werden. Nur dass das, was sie ankündigen, nicht ankündigt, was zu sehen sein wird. Ich bin der virile Hauptdarsteller, sagt Richard Lowdon, der nicht der virile Hauptdarsteller sein wird. Ich will, dass Sie mich mit Haut und Haar begehren, sagt eine der Performerinnen und wird die meiste Zeit im Gorillakostüm herumstehen oder in einem viel zu kleinen Kinderwagen sitzen. Es stellen sich vor der Clown, der den Ernst des Klischees vom Clown als trauriger Gestalt leben wird und eine Geschichte erzählt, die nicht auszuhalten ist, die Frau, der es bitter Ernst ist mit allem, was sie tut und was tut sie: sie schüttet sich, ohne Unterlass beinahe, Wasser über den Kopf, bricht schluchzend zusammen. Ein anderer beruhigt das Publikum: Wenn Sie nicht verstehen, was Sie sehen, halten Sie sich an mich, ich verörpere die symbolische Bedeutung des Ganzen. Bloody Mess.

Auf die falschen Ankündigungen folgen Ausbrüche, Abbrüche, Black Sabbath, Steppenwolf und The Band. Luftigitarre und Szenen. Loses und Festes. Verdichtungen und Entleerungen. Gags im Zustand der Auflösung, der Überdrehung. Gelungene Gags, verpuffende Gags. Wiederholungen, bis es nicht mehr komisch ist. Wiederholungen, obwohl es schon beim ersten Mal nicht komisch war. Auch das Zu-Tode-Reiten hat die Struktur von Struktur - fragt sich nur: wozu noch.

Was Forced Entertainment hier treiben, passt unter den Hut des postdramatischen Theaters. Was mit dem Begriff aber noch lange nicht gesagt ist, führen sie hier vor. Forschung am offenen Herzen der Theateravantgarde. Was, kurz gesagt, kann nach dem Endspiel kommen. Wucherungen des Endspielhaften. Gelöst aus dem Bann der Metaphysik, die noch im Absurden steckte, stellen sich nun wieder Fragen der Form, nur ohne Hoffnung auf Wiederherstellung einer Einheit. Wie verhalten sich das Komische und das lähmende Entsetzen zueinander (Arten der Stille), wie die scheinbare Belanglosigkeit der Aufzählung und die Intensität des Zusammenbruchs noch in seinem vermeintlichen Ausbleiben. Wie die Vermeintlichkeit und die Sichtbarkeit.

Der Clown, auf dem Stuhl des Entertainers erzählt zwei Geschichten im Laufe des das Ende dem Anfang entgegen faltenden Abends. Die Geschichte vom Anfang der Welt und die Geschichte vom Ende der Welt. Nichts läuft hinaus auf Metaphysik, nicht einmal eine Metaphysik der Sinnlosigkeit oder des Scheiterns. Alles ist nur schrecklich buchstäblich. Vom Ende der Welt bleibt nur der Krach, den einer der Performer in einer seiner "impressions" macht. Ohne Folge.

Bandfragen. Was ein Auftritt ist und was nicht. Alle Performer bleiben auf der Bühne und stellen noch die Nicht-Darstellung dar (wohingegen die Darstellung oft keine Darstellung ist). Zeitung lesen, herumsitzen, zugucken, sich umkleiden. Roadies mit Langhaarperücken als Agenten des Chaos, das als Ordnungsanweisung auftritt. Anweisungen von einer Cheerleaderin, die zunehmend aggressiv wird. Ein Ringkampf der Clowns. Die Bühne ist eine verdammte Wüste, ist ein zugemüllter Saustall. Szenerie für schrecklich Komisches. Die Arten der Stille, sanft in Abgründe des Komischen hinein, dabei stehen die Erzähler der Stille nackt auf der Bühne, große, lächerliche Silbersterne notdürftig vor sich drapiert. Große Show, Bühnennebel, aber losgelöst aus allen Rahmen, die dem allen einen Sinn gäben. Verzweifelte Komik, und je alberner, desto verzweifelter (und komischer). Formfragen, silly walks.

Das Ende: Die Performerin spricht über das Ende. Direkt ans Publikum: Gleich werden Sie mich nicht mehr sehen. Es wird vergehen, es wird vorüber sein. Mein Gesicht wird das letzte sein, was Sie sehen. Das ist wahr, in aller sinnlosen Buchstäblichkeit, ein Scheinwerfer nach dem anderen wird ausgeschaltet, sie redet und redet, bis nur noch ein Spot auf ihr ist. Dann wird auch der ausgeknipst. Ende, aus, scheißegal.

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