Larry & Andy Wachowski: Matrix Reloaded (USA 2003)

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Larry & Andy Wachowski: Matrix Reloaded (USA 2003)
Kritik von Stefanie Diekmann

 

1999 Matrix, 2003 Matrix Reloaded, im Herbst 2003 Matrix Revolutions; der Abstand zwischen den beiden Sequels deutlich geringer als der zum ersten Film. Die Dramaturgie der Releases folgt hier einem anderen Schema als etwa im Fall der drei Teile von Lord of the Rings: auch dies ein mehrstelliges Event, aber entsprechend dem proto-mythischen Zuschnitt der Tolkienschen Saga ganz den Prinzipien Gleichmaß und Wiederkehr verpflichtet. Proto-mythisch, genauer: mythenverliebt auch das Projekt der Brüder Wachowski, das indes nicht darauf angelegt ist, noch die Filmstarts nach dem Muster eines Ritus zu organisieren, sondern eher dem eigenen, innerdiegetischen korrespondiert, das mit Dehnung und Stauchung der Zeit zu tun hat.

Hier also die Fortsetzung nach vier Jahren, in vielen Kinos als Double Feature Matrix / Matrix Reloaded, was allein schon dadurch bedingt ist, dass die Wachowskis, nichts anders als Peter Jackson, keine Anstalten machen, im zweiten von drei Filmen irgend eine Informationen unterzubringen, die bereits im ersten zu finden war. Kein briefing, keine Rückblenden; wem zum Verständnis des Reload bestimmte Auskünfte fehlen, wird diese dort finden, wo Neo (Keanu Reeves), der Hacker und Erlöser, selbst in die Struktur der Matrix und seine Rolle eingewiesen worden ist. (Affinität zu Spiderman: Beide Male braucht es nicht weniger als die Länge eines ganzen Films, bis der, aus dem ein Held werden soll, erstens über seine Bestimmung orientiert ist, und zweitens bereit, diese anzunehmen.) Entsprechend bedeutet Matrix Reloaded auch den Reload, Neustart, des ersten Films, der im aktuellen Szenario als Memo oder Folie figuriert. Kohärenz produziert das Double Feature außerdem, was insofern von Bedeutung sein kann, als diese Geschichte, anders als die des Lord of the Rings, kein Raum-Zeit-Kontinuum kennt und kaum dazu geschaffen scheint, Teil II dort einsetzen zu lassen, wo Teil I aufhörte.

Wo er einsetzt? Man könnte sagen: irgendwo, in der Zeit, im Raum, mit Ereignissen, die in der Matrix spielen und zunächst als Traum ausgewiesen werden. Später, am Ende, wenn sie sich wiederholen, werden sie etwas anderes sein, doch liegt zwischen dem ersten und dem zweiten Ablauf eine ganze Weile und die Bekanntschaft mit anderen Schauplätzen als denen, die im ersten Teil aufgeboten wurden. Schauplätze des ersten Teils: das Schiff als mobiler Einsatzort, von dem aus die virtuellen Reisen der Kombattanten in die Matrix organisiert werden; die Matrix selbst als immersive Bildwelt und Verblendungszusammenhang; die Bio-Fabriken, in denen ein Volk von Unfreien herangezüchtet wird, um es von Maschinen aufzehren zu lassen, während ein Hyperprogramm in seinen Köpfen jene Illusion von Weltbestand und Weltbesitz aufrechterhält, die für Morpheus, Trinity, Switch, Neo unwiderruflich durchbrochen ist. Schauplätze des zweiten: das Schiff, die Matrix, die Stadt Zion, derselben Realität angehörend wie die Fabriken und in dieser Realität Gegenwelt par excellence als letzte Bastion und Sitz des organisierten Widerstands. Matrix Reloaded wird von der Bedrohung dieser Gegenwelt handeln.

Zion, die gelobte. Dieser Stadtstaat ist Komposit und Pastiche all der Zivilisationen, die Regisseure wie Scott, Gilliam, Cameron, Fincher in ihren Filmen erkundet haben. Alien zuallererst: mit den Folgen 1 und 3 teilt Matrix das Konzept einer Organizität des Maschinellen, die Geschichte vom Einbruch fremder Lebensformen in den Körper, aber auch die Faszination für jenes fortgeschrittene Stadium des Gebrauchs und Verfalls, in dem das, was Maschine war, im Übergang zur Ruine absolut auratische Qualitäten akquiriert. Bleche, Schrauben, Drähte, Kabel, Gewinde: dies ist eine Technik, die überaus material inszeniert wird; Seilzüge, Tragwerke, Schienen, Rohre, Leitungen: als Verbundsystem ist die Stadt Zion aus demselben Stoff gemacht wie die Vehikel ihrer Flotte, aber noch ungeschlachter, noch massiver; neben den makellos designten Oberflächen der Matrix etwas wie Rohbau par excellence.

Natürlich ist das Rohe das Echte, auch hier, wo die Stadt im Innern der Erde von einer archaischen Gesellschaft bewohnt wird. Fackeln, Versammlungshallen, ein hoher Rat, Krieger und Weise, Visi-onäre und Verräter: So ähnlich, wie der Film der Wachowskis seinen Vorgängern im Genre des SciFi in Fragen der Ausstattung ist, ist er es in denen des politischen Designs. Alle (fast alle) Filme, die sich mit den Zivilisationen der Zukunft befassen, teilen diese seltsame Vorliebe für die Verbindung von High Tech und Priesterstäben, Space Ships und Sackleinen, fast alle lieben das Primitive, das sich mit hocheffizienten Apparaturen umgibt (Star Wars), oder kennen, Gegenmodell, die hochent-wickelte Kultur, die marode Raumschiffe ins All schickt (Alien 1) oder interne Störungen mit brachialer Gewalt beseitigt (Brazil). Wenigstens eines von zwei Systemen (politisch, technisch) muss primitiv sein; dies eine ungeschriebene Regel. Im Reload scheinen es beide irgendwie, selbst wenn die Riten von Zion der letzten Mode angepasst sind.

Der letzten (oder vorletzten) Mode angepasst auch die Körper. Schöne Körper, müde Körper, etwas verbraucht; man erinnert sich an die Fotografie der frühen neunziger Jahre. Es gibt, in diesem Film, der nach wie vor in seine Protagonisten verliebt ist, genug Großaufnahmen, um die kleinen Unvoll-kommenheiten in den Gesichtern ausführlich zu studieren. Falten, feine Linien: die Gefahren sind seit den Einsätzen vor vier Jahren nicht weniger geworden; Augenringe: die Helden sind erschöpft; Narben, Schrammen: sie haben gelitten, und werden, bleiche, angespannte Gestalten, wieder leiden, ihr ganzes Erscheinungsbild bezeugt es. Auch in Matrix Reloaded ist das Leben ein entbehrungsreiches geblieben, der Dienst (Sonderkommando) ein harter, das Glück (Königskinder) ein strenges und die Verletzlichkeit derer, die doch die Welt retten sollen, noch augenfälliger als damals, selbst wenn ihnen lange nicht so hart zugesetzt wird wie noch in Teil I.

Damals: Ein künstlicher Skorpion (Käfer?) kroch in einen Bauchnabel, Kombattanten spuckten Blut, man brach Nasenbeine, und ständig war irgend jemand dabei, furchtbare Schläge einzustecken. Blessuren überall, dazu die Bilder der Plantagen mit den graurosa Leibern und den schwarzen Tentakeln in Mund, Rückenmark und Öffnungen, an die hier nicht erinnert werden soll. Im Reload reduziert sich das. Die Kämpfe werden noch einmal schneller, die Sprünge höher und weiter, die Verfolgungen wahnsinniger, aber wenn einer dabei zu Schaden kommt, sieht man davon kaum mehr als eine Schramme im Gesicht oder am Arm. Nach wie vor kann eine Konfrontation in der Matrix den Tod bedeuten, doch wählt Teil II zu dessen Inszenierung andere Bilder.

Statt dessen entwickelt er den Kampf der Körper zu einem Kampf der Prinzipien. Neo, im Original immer wieder als DER EINE, THE ONE, adressiert, sieht sich bei seinem ersten Einsatz in der Matrix mit einem Wiedergänger des Agenten Smith konfrontiert, der sich vor seinen Augen zu erst drei, dann zehn, dann unzähligen Repliken vervielfältigt. Später (manche Szenen in The Matrix bereiten auf dieses Phänomen vor) wird Smith ubik erscheinen, ein unendlich verbreiteter Virus der Verein-heitlichung, der aus ganz verschiedenen Gestalten ein und dieselbe macht und aus einer einzigen eine Serie von Hundertschaften. Singularität versus Reproduktion, das ist der erste Antagonismus des Films; der zweite lautet: Dezision versus Determination, weshalb insbesondere in den letzten sechzig Minuten viel von Entscheidung, Freiheit, Willen und Erkenntnis die Rede ist.

Hier wie in eigentlich allen Szenen gilt, dass Matrix Reloaded immer dort verliert, wo irgend jemand den Mund aufmacht. Viel hohe Töne, was in Teil I nicht anders war, wenig Lakonie, was neu ist: Während The Matrix zu Mythen-, Kultur- und Filmgeschichte ein strikt zitationelles Verhältnis pflegt, arbeitet das Sequel an der Konstruktion eines Konzepts, das, teils heilsgeschichtlich, teils erkenntnistheoretisch inspiriert, für die Geschichte der Matrix Revolutions wenig Gutes erwarten lässt.

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