Scherpunkt Asien: Hayao Miyazaki: Spirited Away (Japan 2001)

.

Jump Cut Filmkritik
__________________
Magazin für Film & Kritik:
Rezensionen und News.

Impressum

 
 


.

Spirited Away

Regie: Hayao Miyazaki

Schwesterseiten

Auteur.de - Lexikon der Regisseure
Comix-Corner - die Comic-Website
Crime-Corner - die Krimi-Website
Literatur-Corner - die Seite für Literaturkritik
SciFi-Corner - die Science-Fiction- Website

Theater-Corner - die Theater-Seite
.

Archiv

Filmkritik
Filmbuchkritik
Filmklassiker
Alle alten Kritiken in der Übersicht
.

Interaktiv

Forum
Diskutieren Sie über Filme und/oder unsere Kritiken!

Mail
Was immer Ihnen an uns passt oder nicht passt.

.

Sen to Chihiro no Kamikakushi / Spirited Away (Regie: Hayao Miyazaki, Japan 2001)
Kritik von Ekkehard Knörer

Hayao Miyazaki: Spirited Away

zur Japan-Seite

Die Erfolge, die der Regisseur Hayao Miyazaki mit Prinzessin Mononoke und dem im Wettbewerb der Berlinale gezeigten Spirited Away in Japan feierte, sind ohne Beispiel. Keine Frage: eine Kultur, in der der Manga (die japanische Version des Comic) eine so dominierende Rolle spielt, ist eher bereit, den Animationsfilm als seriöse Kunstform zu akzeptieren. Und obwohl Miyazakis Filme durchaus als Kinderfilme konzipiert sind, obwohl die Kinder sie auch wirklich lieben, ist der Erfolg quer durch alle Publikumsschichten riesengroß. Spirited Away hat mit sagenhaften 19 Millionen Besuchern den bisherigen Rekordhalter Titanic locker abgehängt, zuvor war Prinzessin Mononoke bereits zum erfolgreichsten japanischen Film aller Zeiten avanciert. Der oft gehörte Vergleich Miyazakis und des von ihm gegründeten Animationsfilmstudios Ghibli mit Disney ist, des Mediums und der Erfolge wegen, nahe liegend. Die ästhetischen Unterschiede sind jedoch beträchtlich.

Während Disney im Prinzip Musicals dreht und immer dann in Schwierigkeiten gerät, wenn es etwas ernster zugehen soll (siehe zuletzt den Flop Atlantis), sind Miyazakis Werke stets Spielfilme ohne musikalische Auszeiten. Zudem geht es ihm nie um die Verfilmung existierender Legenden, Mythen und Märchen; jeder seiner Filme spielt, trotz zahlreicher Anspielungen und Bezugnahmen, in einer stets neu geschaffenen Welt, einem Kosmos für sich, oder wenigstens einem Nebenkosmos, der durch unzählige Motive mit dem Gesamtkosmos Miyazaki in Verbindung steht. Prinzessin Mononoke war ein Epos aus grauer Vorzeit, spielte in einer von Göttern und Zauberwesen bevölkerten Welt und thematisierte sehr aktuelle Probleme (wie Umweltzerstörung) im Umfeld einer fantastischen Welt von ungeheurem Detailreichtum. Verblüffend daran vor allem der Verzicht auf eindeutige Moral und die klare Zuordnung von gut und böse. In seinen oftmals drastischen Darstellungen von Gewalt und Zerstörungslust war der Film ganz klar an ein jugendliches oder erwachsenes Publikum gerichtet.

Das ist bei Spirited Away etwas anders. Die Zeit ist die Gegenwart, die Heldin ist ein Kind. Chihiro ist zehn Jahre alt und erfährt gerade die erste einschneidende Veränderung ihres Lebens: sie zieht mit ihren Eltern in eine andere Stadt. Auf dem Weg dahin verfährt sich Chihiros Vater und sie stehen plötzlich vor einem mysteriösen Tunnel, hinter dem sich ein verlassener Themenpark aufzutun scheint. Während ihre Eltern in einer der menschenleeren Gassen ein Restaurant finden und sich die Bäuche vollschlagen, erkundet Chihiro die kleine Stadt, die sich bei Einbruch der Dunkelheit zu beleben beginnt. Dunkle Gespenster erscheinen aus dem Nichts und Chihiros Eltern sind in Schweine verwandelt. Aus einer in der Ferne hell leuchtenden Stadt am anderen Ufer eines großen Sees legt ein Schiff ab und bringt eine eindrucksvolle Reihe tierähnlicher Gestalten in die kleine Stadt. Es handelt sich, wie man erfahren wird, um die Geister einstiger Gottheiten, zum zentralen Schauplatz wird ein Badehaus, in dem sie es sich gut gehen lassen, aber auch ihre Wunden heilen wollen.

Chihiro, die sich ganz langsam vom verängstigten kleinen Mädchen zur meist tapferen Heldin wandelt, erkämpft sich eine Aufenthaltsgenehmigung als Arbeiterin im Badehaus - und verliert mit dem Arbeitsvertrag ihren Namen. Die Chefin des Badehauses, die Hexe Yubaaba, gewinnt Macht über ihr Personal, indem sie ihm den eigenen Namen raubt und neue Namen gibt. Chihiro ist nun Sen. Die Abenteuer, die sie erlebt, bevor sie ihren Namen zurückgewinnen, den mit einem mächtigen Fluch im Bann der Hexe gefangenen Haku befreien und ihre Eltern in menschlicher Gestalt wiedersehen wird, sind zahlreich und fantastisch. Verzauberte, verhexte Wesen suchen Erlösung, es treten eine weise Spinne, ein verzogenes Riesenbaby und kleine Kohleschlepperameisen auf.

Die Welt von Spirited Away ist dabei jedoch nur auf den ersten Blick die Ausgeburt reiner Fantasie. In seiner sehr bewussten Verbindung von uralten animistischen Vorstellungen, dem Themenpark aus der Edo-Zeit, in der Japan sich gänzlich vom Westen abgeschottet hatte, westlichen Elementen wie der Hexe Yubaaba oder der Anspielung auf die seit nun zehn Jahren anhaltende ökonomische Misere ist der Kosmos von Spirited Away immer auch die Allegorie des heutigen Japan. Hier wie in den anderen Filmen Miyazakis fasziniert aber, wie wenig die einzelnen Momente sich in eindeutige Botschaften auflösen lassen, wie durch und durch ambivalent die Figuren bleiben. Noch die bösartige Hexe Yubaaba erweist sich als rückhaltlos liebevoll ihrem Sohn gegenüber, ein gesichtsloser Geist verwandelt sich vom unglücklichen Wesen zum Monster und wieder zurück. Atemberaubend wie stets ist die Überfülle an fantastischen Kleinst- und Großwesen, die Miyazakis Welten bevölkern, denen er eine fürs Große und Ganze der Geschichte oft ganz überflüssige Aufmerksamkeit widmet.

Ein wenig schade ist es dennoch, dass nun Spirited Away als erst zweiter Animationsfilm in der Geschichte der Berlinale im regulären Wettbewerb läuft und nicht schon Prinzessin Mononoke. Spirited Away ist ein reines Vergnügen, aber doch immer auch ein Kinderfilm. Die monumentale Wucht des Vorgängers Prinzessin Mononoke, der einen von einem Staunen ins nächste reißt, besitzt er nicht. Die Kritiker wenigstens scheinen dem Werk wenig Verständnis oder Interesse entgegenzubringen; in ungewöhnlich großer Zahl verließen sie die Pressevorführung, der Applaus blieb spärlich. Eine beinahe peinliche Angelegenheit war dann die Pressekonferenz, auf der allerdings nur der Produzent des Films anwesend war - eine Grußbotschaft Miyazakis wurde über Video eingespielt. Keine zwanzig Leute verloren sich im sonst so dicht gedrängten Rund, ein großer Teil davon japanische Korrespondenten. Einer von ihnen drehte vor dem Beginn der Veranstaltung einmal den Spieß um und fragte seine deutschen Kollegen nach ihren Eindrücken vom Film: die erste, die er fragte, hatte ihn leider gar nicht gesehen, der zweite erwies sich als deutscher Miyazaki-Experte und erklärte dem erstaunten japanischen Journalisten die inneren Zusammenhänge in dessen gesamtem Oeuvre.

Schön, dass es die eingeschworenen Fans gibt, aber eigentlich ist Spirited Away ein Film für alle und jeden. Accept Diversity lautet das Motto der Berlinale. Solange aber gut gemeinte Fernsehspiele wie Bloody Sunday das allgemeine Interesse wecken, während der vielleicht größte lebende Meister des Animationsfilms von den Kritikern weitgehend ignoriert wird, gibt es weiß Gott noch eine Menge zu tun.

zur Jump Cut Startseite

.

Suche


powered by crawl-it
.

Newsletter

Anmelden zum Jump Cut Newsletter mit wöchentlichen News und Updates

Powered by KBX7

.

Jump Cut Partner

DVDs & Videos
Suchbegriffe:



In Partnerschaft mit Amazon.de

.
.

Internet Movie Database


Filmtitel Person
Powered by www.IMDb.com