| Oscar, Oscar!
Der Herr der Ringe dominiert mit 13 Nominierungen das
Oscar-Rennen, doch wer zuletzt lacht, steht noch längst nicht fest.
Außerdem: Hollywood ist nicht mehr farbenblind, Deutschland zählt
jetzt schon zu den Oscar-Losern und Jackie Chan kann seinen eigenen Film
nicht leiden.
Endlich: Die Oscar-Nominierungen sind da. Dass Gigantismus dabei in
der Gunst der Wahlberechtigten ganz oben steht, wissen wir spätestens
seit Gladiator und Titanic. Wen konnte es da also
überraschen, dass Peter Jacksons Herr der Ringe-Epos nun
mit 13 Nominierungen in Führung liegt? Jedoch: Auch noch so viele
Oscar-Nominierungen sind kein Garant für einen Sieg. Am Ende der am
24. März aus Hollywood in alle Welt übertragenen Zeremonie könnte
das Fantasy-Spektakel als großer Verlierer gelten so wie vor
sechzehn Jahren Steven Spielbergs Sklavenepos Die Farbe Lila.
Elf Nominierungen erhielt der ellenlange Streifen seinerzeit, doch keine
einzige Trophäe.
Jacksons Hauptkonkurrent ist ein geistig verwirrter Mathematiker:
John Nash, dessen Leben und Leiden Mainstream-Regisseur Ron Howard meisterhaft
verfilmte. A Beautiful Mind provozierte am Dienstag Abend bei
der Deutschlandpremiere auf der Berlinale wahre Beifallsstürme. Der
Film ist, wie auch das Musical Moulin Rouge, in acht Kategorien
nominiert und gilt bei Insidern als Oscarfavorit.
Regisseur und Produzent Ron Howard, Drehbuchautor Akiva Goldsman und
die beiden Hauptdarsteller Russell Crowe und Jenniffer Connelly erfuhren
am Dienstag Nachmittag im Berliner Nobelhotel Adlon via CNN von ihren
Nominierungen. Erleichterung machte sich breit dann klingelten die
Handys Sturm. Von Jeffrey Katzenberg bis Steven Spielberg wollten alle
gratulieren. Ron Howard hatte bis zuletzt gezittert: Er hat bereits schlechte
Erfahrungen mit der Academy gemacht, die ihn vor ein paar Jahren bei
Apollo 13 übergangen hatte.
Russell Crowe, an dessen Nominierung es im Vorfeld keinen Zweifel
gab, nahm die gute Nachricht sehr gelassen auf. Dann telefonierte er eine
Stunde lang mit seiner Mutter. Dass dadurch die mit ihm geplanten
Presseinterviews ins Wasser fielen, war dem Superstar egal: Crowe hat, das
ist bekannt, kein Herz für Journalisten. Dafür platzte er
anschließend in ein laufendes Interview mit Jenniffer Connelly, um
sie vor der staunenden Presse in den Arm zu nehmen.
Oscarrennen: Hollywood ist nicht mehr farbenblind
Man hat Hollywood immer wieder vorgeworfen, farbenblind
zu sein. Doch dieses Jahr wurden zum ersten Mal gleich drei afro-amerikanische
Schauspieler für einen Oscar nominiert: Denzel Washington für
Training Day, Will Smith für Ali und Halle Berry
für Monsters Ball. Bisher ist Whoopi Goldberg die
einzige schwarze Darstellerin, die mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, und
zwar 1990 für ihre Nebenrolle in Ghost. Und in der
74-jährigen Oscar-Geschichte ist Sidney Poitier bis heute der einzige
schwarze Schauspieler, der einen Oscar als bester Hauptdarsteller gewann:
1963 für "Lilien auf dem Felde". In diesem Jahr bekommt er einen
Ehren-Oscar.
In der Kategorie männliche Hauptrolle kandidieren
Will Smith und Denzel Washington gegen den Favoriten Russell Crowe (A
Beautiful Mind) sowie Sean Penn (I Am Sam) und den Briten
Tom Wilkinson (In the Bedroom). Bei den Frauen muss Halle Berry
gegen Nicole Kidman (Moulin Rouge), Judi Dench (Iris),
Sissy Spacek (In the Bedroom) und Renée Zellweger
(Bridget Jones) antreten. Die Oscarverleihung findet am 24.
März im neu errichteten Kodak Theater im Herzen von Hollywood
statt.
Oscar 2002: Ein paar Verlierer stehen bereits fest
Auch wenn das Rennen um die Oscar-Statuetten prinzipiell noch offen
ist, stehen ein paar Verlierer bereits fest. Zum Beispiel The
Majestic mit Jim Carrey. Das capraeske Drama von Frank Darabont ging
bei den Kritikern und an der Kinokasse unter. Auch das Psycho-Drama
K-PAX und Lasse Hallströms Schiffsnachrichten
wurden übergangen. Nicht gut erging es auch dem Boxerfilm Ali,
Wes Andersons schräger Komödie Die Royal Tenenbaums
und Steven Spielbergs Sci-Fi-Film A. I. Künstliche
Intelligenz.
Auch Deutschland zählt schon zu den Losern dieses Oscarjahres:
Oliver Hirschbiegels Das Experiment wurde nicht nominiert. Statt
dessen finden sich in der Kategorie bester nicht-englischsprachiger
Film Beiträge wahrer Filmnationen: Bosnien, Norwegen und Argentinien.
Und so ruhen die deutschen Hoffnungen einmal mehr auf der Kurzfilmkategorie.
Dort wurde Gregors größte Erfindung von Johannes Kiefer
nominiert.
Jackie Chan kann Rush Hour nicht leiden
Schön, dass manche Schauspieler noch ehrlich sind auch,
was die Qualität der eigenen Blockbuster betrifft. Für
Martial-Arts-Ikone Jackie Chan kam der Erfolg von Rush Hourganz
unerwartet: Ich mag den Film ehrlich gesagt nicht, verriet der
Star unlängst in einem Interview. Rush Hour sei einfach
nicht komisch und hat keine gute Action. Auch Ang Lees
oscarprämierter Film Tiger and Dragon kommt bei Chan nicht
so gut weg: Solche Filme machen wir in Hongkong doch seit über
30 Jahren. Das läuft dort überall im Fernsehen, mäkelte
der Schauspieler, der künftig zwei Arten von Kinofilmen drehen möchte:
eine Sorte für den US-Markt und eine andere für die Fans in seiner
Heimat.
Die Fortsetzung Rush Hour 2, die derzeit sehr erfolgreich
in den deutschen Kinos läuft, stößt bei dem 47-jährigen
Schauspieler ebenfalls nicht auf ungeteilte Zustimmung: Zweifellos
besser als der erste Teil, aber immer noch zu amerikanisch, urteilt
Chan. Es wird wirklich höchste Zeit, dass ich wieder einen asiatischen
Film drehe.
Ansehen/Wegsehen - 14.2.02
Ansehen: Hearts in Atlantis
Nur 43 Jahre alt wurde der Kameramann Piotr Sobocinski, auf der Leinwand
wird sein Lebenswerk jedoch Generationen überdauern. Auch für
Hearts in Atlantis lieferte Sobocinski die bestechend schönen
Bilder. Die Stephen-King-Verfilmung steht in der Tradition von Stand
by Me: Anthony Hopkins spielt darin einen geheimnisvollen Untermieter,
der im Sommer 1960 das Dachgeschoss im Haus der Garfields in Connecticut
bezieht. Dort wächst der junge Bobby Garfield (Anton Yelchin) vaterlos
bei seiner überforderten und nicht gerade liebevollen Mutter (Hope Davis)
auf und der Fremde nimmt ihn unter seine Fittiche. Scott Hicks
nostalisch-wehmütiger Blick aufs Ende einer Kindheit ist eine gelungene
Parabel über die verlorene Unschuld eines Landes, hinter dessen
bürgerlicher Fassade oft das nackte Grauen steckt.
Durchstehen: Der Pakt der Wölfe
Ein echtes All-in-one-Paket aus Frankreich: Das im 18. Jahrhundert
angesiedelte Spektakel vereint Fantasy und Horrorfilm mit Martial-Arts und
Mystery unter dem Deckmantel eines aufwändigen Historienfilms.
In dem mit vielen Irrungen und Wirrungen beladenen Film findet sogar ein
echter Indianer Platz. Handwerklich operiert das überlange Epos allerdings
auf Top-Niveau: Regisseur Christophe Gans hat mit dem Film eine Art
Leistungsschau des Euro-Kinos abgeliefert, die überzeugend illustriert,
dass Hollywood mitunter auch in Frankreich liegt.
Wegsehen: Tödliches Vertrauen
Als Fernsehfilm der Woche könnte dieser grundsolide Streifen
durchaus punkten, die große Leinwand aber ist für diesen routinierten
Thriller allerdings zu schade. John Travolta spielt in Harold Beckers Krimi
einen braven Bootsbauer, dessen geschiedene Frau den Unternehmer Barnes (Vince
Vaughn) ehelichen will. Sohn Danny (12) ist davon nicht begeistert, und in
der Tat: Barnes ist ein skrupelloser Mörder.
Rico
Pfirstinger
copyright Rico Pfirstinger 2002
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