| Tod und Spiele
Hollywood zieht die Samthandschuhe aus: Die Terroranschläge
vom 11. September werden Stoff von Film- und Fernsehproduktionen. Außerdem:
Das Oscar-Rennen wird zur Schlammschlacht, Hollywood neuer Trend zur Sparsamkeit
und Microsofts hochgesteckte Kinopläne.
Im Land der unbegrenzten Selbstzensur gelang dem US-Fernsehsender
CBS am Sonntagabend das brillante Kunststück, den größten
Terrorangriff der Geschichte unblutig und ohne Horrorszenen darzustellen.
Die zweistündige Dokumentation von Jules und Gedeon Naudet über
den Einsturz des World Trade Centers war ein Hit: durchschnittlich 39 Millionen
Menschen - etwa jeder dritte Hauhalt - schalteten sich zu. In den Werbepausen,
"sponsored by Nextel", wurde Heldenkult betrieben und die Flagge hoch gehalten:
Patriotismus pur, und selbstverständlich alles nur für einen guten
Zweck.
Sechs Monate nach den Terroranschlägen wird es für die
Fernsehmacher höchste Zeit, von den Ereignissen zu profitieren. CBS-Rivale
ABC hat bereits die Rechte an Dennis Smiths Buch "Report from Ground Zero"
aufgekauft, das die Ereignisse aus Retter-Perspektive schildert. Und der
Pay-TV-Sender HBO zeigt Ende Mai einen Dokumentarfilm über das Desaster
aus der Sicht des damaligen New Yorker Bürgermeisters Rudy
Giuliani.
Goldie Hawn und ihre Firma Cosmic Entertainment wollen unterdessen
ein TV-Drama über das Schicksal von Flug 93 produzieren. Das von Terroristen
entführte Flugzeug stürzte am 11. September über Pennsylvania
ab, an Bord - Stichwort "Let's roll" - sollen sich heldenhafte Szenen zugetragen
haben. Der Film basiert auf einem in der Zeitschrift Vanity Fair
erschienen Artikel.
Auch im Kino wird sich "9-11" nicht verhindern lassen: Das Filmstudio
MGM erwarb die Rechte an "The Counter-Terrorrist", einem in der Zeitschrift
New Yorker erschienen Bericht. Die Top-Agentur ICM will parallel dazu ein
Projekt mit dem Titel "The Real Heros Are Dead" auf die Beine stellen - mit
Susan Sarandon in einer der Hauptrollen und Multitalent Tim Robbins als Regisseur
und Drehbuchautor. Auch dieser Film, eine romantische Tragödie vor dem
Hintergrund der WTC-Anschläge, basiert auf einem Zeitschriftenartikel
im New Yorker.
Schlammschlacht um Oscars
Ähnlich schmutzig wie der fortwährende "Krieg gegen den
Terror" ist zurzeit auch der Kampf um Oscar-Ehren. Im Mittelpunkt der
Schlammschlacht steht erneut der für acht Oscars nominierte Film
"A Beautiful Mind" mit
Russell Crowe. Der rechtslastige Internet-Kolumnist Matt Drudge erhob in
seinem "Drudge-Report" den abenteuerlichen Vorwurf, die Filmbiographie über
das schizophrene Mathematikgenie John Nash vertusche dessen Antisemitismus.
Gleichzeitig berichtete die Klatschkolumne von Rupert Murdochs erzkonservativer
New York Post von einem unehelichen Kind des Nobelpreisträgers, um das
sich dieser nie gekümmert haben soll.
Die Schmutzkampagne flammte selbstverständlich just in jener
Woche auf, in der die Oscar-Wähler (unter ihnen viele Juden) ihre
Stimmzettel ausfüllen - Abgabetermin ist der 19. März. Kurz vor
den Oscar-Nominierungen hatte Drudge bereits auf die homosexuellen Neigungen
des Mathematikers verwiesen, die im Film totgeschwiegen würden. Insider
vermuten ein konkurrierendes Studio hinter der Kampagne. Schärfster
Konkurrent von "A Beautiful Mind" ist das von New Line produzierte
und für 13 Oscars nominierte Fantasy-Epos
"Herr der Ringe". Die
Trophäen werden am 24. März im neu gebauten Kodak Theater in Hollywood
verteilt.
Probleme gibt es weiterhin mit Russell Crowe, dessen rüpelhafter
Auftritt nach der britischen Filmpreisverleihung dem Schauspieler viele
Sympathien (und vermutlich Oscar-Stimmen) kostete. Die britische
Entertainment-Zeitschrift Empire warf nun ein exklusives Interview
mit dem Australier in den Papierkorb, in dem dieser 157 Kraftausdrücke
abgesondert haben soll. Crowes um das Image ihres Schützlings besorgte
Publizisten baten die Zeitschrift ein paar Tage nach dem Stargespräch
um eine Wiederholung, in dem Crowe sich dann deutlich gesitteter verhielt.
Gedruckt wird nun allein das zweite Interview.
Sparfimmel: Hollywood-Filme werden billiger
Trotz Terror war 2001 Hollywoods bisher einträglichstes Jahr:
Die Einnahmen an der Kinokasse lagen fünf Prozent über den Rekordzahlen
des Vorjahres. Gleichzeitig werden die Filme immer billiger. Die
durchschnittlichen Produktionskosten der großen Studios lagen letztes
Jahr bei 47,7 Millionen Dollar pro Film - satte 13 Prozent unter dem
Durchschnittswert vom Jahr davor.
Ein Grund für die neue Sparsamkeit ist die Verlagerung von
Produktionen aus der Traumfabrik ins Ausland: Australien, Neuseeland und
vor allem Kanada spielen dabei Schlüsselrollen. Hollywood-Produzentin
Gale Anne Hurd ("Aliens", "Abyss", "Terminator 2") verlangt von der US-Regierung
deshalb steuerliche Anreize, macht aber auch den aus US-Sicht attraktiven
Dollarwechselkurs für die Situation verantwortlich.
Hurd selbst ist Hollywood bei ihrer letzten Produktion allerdings
treu geblieben: Das auf ein jugendliches Publikum zugeschnittene Sci-Fi-Spektakel
"Clockstoppers" (D-Start: 27.6.02) mit Jesse Bradford wurde in Los Angeles
gedreht - in anstrengenden aber Kosten sparenden Sechstagewochen. Auch Hurds
neues Großprojekt, die Comic-Verfilmung "The Hulk" von Regisseur Ang
Lee, wird brav in Hollywood gemacht. Der aufwändige Film mit Jennifer
Connelly, Nick Nolte und Sam Elliott soll im Sommer 2003 ins Kino kommen
und sich von anderen Comic-Projekten durch seine komplexe Figurenzeichnung
unterscheiden.
Fortsetzung folgt: Weitere Sequels angekündigt
Der Schlittenhunde-Streifen "Snow Dogs" ist in Deutschland derzeit
völlig unbekannt - vor allem deshalb, weil der Familienfilm mit
Oscar-Preisträger Cuba Gooding Jr. hier erst im Oktober in die Kinos
kommt. In den USA hat sich die 35 Millionen Dollar teure Husky-Comedy um
einen schwarzen Zahnarzt und sein Schlittenhunde-Team jedoch bereits rentiert.
Produzent Jordan Kerner arbeitet schon fieberhaft am Drehbuch für die
Fortsetzung, die nicht mehr in Alaska, sondern mitten in New York City
angesiedelt ist.
Auch Jerry Bruckheimer ist auf dem Sequel-Trip. Auf der Kinomesse
in Las Vegas gab der "Pearl Harbor"-Produzent bekannt, dass die lange geplante
Fortsetzung der Erfolgskomödie "Bad Boys" mit Will Smith und Martin
Lawrence endlich abgesegnet ist. Regie führt wie beim ersten Streifen
Michael Bay ("Armageddon").
Die Leinwandfassung des Videospiels "Resident Evil" ist noch gar nicht
in den Kinos, da wurde bereits eine Fortsetzung beschlossen. Regisseur Paul
Anderson wird auch das Sequel schreiben und produzieren, Arbeitstitel: "Nemesis".
Der Trend zu Kinofassungen von Videospielen gewinnt immer mehr an Bedeutung.
Auch die Software-Schmiede Microsoft möchte zahlreiche Xbox-Titel auf
die Leinwand bringen. Die Top-Agentur CAA soll für die nötigen
Kontakte sorgen und Spiele wie "Halo", "Age of Empires" und "Crimson Skies"
von Hollywood verfilmen lassen.
Rico
Pfirstinger
copyright Rico Pfirstinger 2002
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